Hagen(27.09.2017) Heute vor zehn Jahren fuhr der Möbelwagen mit Möbeln, vielen Bücherkisten und meinem anderen Hab und Gut in Hagen vor, um mich von einer Bochumerin zur Hagenerin zu machen. Zehn Jahre! So lange habe ich in Stuttgart gelebt, an zehn Jahren in Bochum fehlten drei Monate, wenn ich also in Hagen bleibe, wird das die Stadt, in der ich außer in meiner Heimatstadt am längsten gelebt habe. Will ich das?

Viele viele schöne Erlebnisse …

Einerseits verbinden mich viele schöne Erlebnisse, Begegnungen mit klugen, weisen, sympathischen und verrückten Menschen mit Hagen. Auch wenn ich in den ersten fünf Jahren fast nur in NRW unterwegs war und wenig von der Stadt wahrgenommen habe, würde mir auf jeden Fall etwas fehlen, wenn ich nicht mehr in Hagen wohnte. Das Kunstquartier in meinem Rücken mit dem Emil Schumacher-Museum, dem Osthausmuseum und dem Kunst- und Atelierhaus, das für mich zum Kunstquartier dazugehört, nicht zu vergessen die Kooperative K, der ich wichtige Inspirationen verdanke. Das Theater an der Volme, dessen Entwicklung ich fast von Anfang an begleitet habe und wo ich vor fünf Jahren meinen 50. Geburtstag gefeiert habe, in tollem Ambiente mit lieben Gästen und Erich Kästners Texten, inszeniert von Indra Janorschke und Dario Weberg. Das Theater Hagen, das ein tolles Programm macht und mit meinem Lieblingsprogramm Symphonic Floyd zeigt, dass es bereit ist, neue Wege zu gehen, um Theater lebendig zu erhalten. Ich merke gerade, alles aufzuzählen, kann nur schief gehen, weil ich sicher etwas vergesse, aber den Muschelsalat muss ich noch erwähnen, das wunderbare Kulturprogramm im Sommer „umsonst & draußen“, das für Vielfalt, Weltoffenheit und die Bedeutung der Kultur in der Stadt steht, und der Muschelsalat ist natürlich verbunden mit den Muschelsalatrettern, eines von vielen Beispielen dafür, dass Bürger hier in der Stadt aufstehen und aktiv werden. Und ganz alltäglich-praktisch bemerkt: Wo bekommt man schon einen Arbeitsplatz mit so viel Inspiration und fünf Kunstwerken im Blick.

… und wunderliche Erlebnisse, die nachdenklich stimmten

In meinem PC gibt es ein Dokument mit dem Titel „Hagenda – Hagen, das wahre Schilda“, denn ein paar weniger schöne Erlebnisse gab es auch in den zehn Jahren in Hagen, die behalte ich meist für mich, weil es in der Stadt leider auch viele Nörgler gibt und in den Kreis möchte ich mich nicht einreihen. Aber ein paar Erlebnisse möchte ich doch schildern, ich vermute, dass die betreffenden Personen inzwischen längst andere Jobs haben, aber vielleicht regen sie ja doch den einen oder die andere zum Nachdenken kann. Dass ich diese Erlebnisse auch nach Jahren noch präsent habe, obwohl ich sonst nicht nachtragend bin, spricht für sich. Da ist zum einen mein Brief an die Stadtverwaltung aus dem Jahr 2008 mit dem Angebot (!), mich – wie auch in anderen Städten – an der Ferienmaus zu beteiligen. Als ich keine Antwort bekam, habe ich mich an den damaligen OB gewandt und erfahren, dass die zuständige Mitarbeiterin nicht geantwortet hätte, weil das Angebot „kommerziell“ sei! Immer gerne erzählt auch meine Bitte um Genehmigung, an einem Montag zur Weihnachtsmarktzeit – vor sechs oder sieben Jahren – vormittags in die Fußgängerzone zu fahren. Dazu muss ich erwähnen, dass bis dahin solche Ausnahmeregelungen unkompliziert und unbürokratisch gelöst wurde. Der neue Mitarbeiter erklärte mir, das ginge nicht, weil ich den Weihnachtsmarkt stören würde und überhaupt könnte ich ja für 150 € eine Plakette kaufen, dann könnte ich das ganze Jahr über tagsüber in die Fußgängerzone fahren. Wollte ich nicht. Ich wollte ein Möbelstück, das ich aus Herne holen musste gegen 10.30 Uhr ausladen. Selbstverständlich hätte ich es abends ausladen können, wenn ich denn durch die Menschentraube vor dem Glühweinstand vor meiner Haustür hätte durchfahren können. Wegen des Weihnachtsmarktes brauchte ich die Ausnahmegenehmigung! Zwei Beispiele, die mich an Hagen zweifeln lassen, ich weiß, das ist lange her, aber wenn ich daran denke, dass ich im letzten Jahr einen unterschriebenen Auftrag von einer städtischen Stelle hatte, der storniert wurde, nachdem ich bereits gearbeitet hatte! Über das Konkurrenzprodukt der Stadt Hagen zu meinem Buch „Hagen Porträt einer Stadt“ rede ich schon gar nicht mehr. Ich weiß, solche frustrierenden Erlebnisse gibt es auch in anderen Städten, aber es gibt auch Städte, in denen sie nicht passieren.

Hagen – eine Stadt mit Potenzial

Im Prinzip überwiegen natürlich die positiven Erlebnisse, das ist keine Frage. Und es gilt weiterhin das, was ich schon oft gesagt habe: Hagen ist eine Stadt mit Potenzial. Natürlich schaue ich vor allem auf den kulturellen Bereich, was aber nicht verwunderlich ist, denn die Stadtentwicklung ist geprägt von Karl Ernst Osthaus, der sich der Kultur verschrieben hatte, das hat die Identität der Stadt ebenso geprägt wie die Musiker, die von Hagen aus in den 80er-Jahren den Musikmarkt mitbestimmt haben. Ich weiß, es gibt Basketball und Handball und sicher noch viele andere spannende Dinge, aber ich nehme die Kultur als sehr bestimmend wahr und das ist auch das, was für mich Hagen ausmacht. Das ist übrigens der Grund, weshalb ich so enttäuscht bin, dass die Hagen-Agentur sich nicht in der Lage sieht, die Stadt in diesem Jahr mit einem Stand auf dem Weihnachtsmarkt zu präsentieren. Da hatten eben gerade kulturelle Institutionen Gelegenheit, aus ihrer Einrichtung heraus in den öffentlichen Raum zu kommunizieren. Zu den schönen Erlebnissen gehört nämlich zum Beispiel der Verkauf der Kalender aus einem Schreibprojekt in der Stadtbücherei zusammen mit Oberbürgermeister Erik Schulz an eben jenem Stand. So etwas frustriert mich, eben weil ich vor meiner Selbstständigkeit fast 20 Jahre im Marketing gearbeitet und PR-Arbeit gemacht habe. Manchmal juckt es mich in den Fingern, mich einfach mal hinzusetzen und aus all dem, was ich höre und erlebe ein PR-Konzept für die Stadt zu schreiben. Gäbe es dafür einen Wettbewerb, wäre ich sofort dabei. Bis dahin werde ich weiter sammeln und beobachten, versuchen mit meinem Hagen-Blog einen kleinen Beitrag zu leisten und darüber nachdenken, ob Hagen die Stadt ist, in der ich in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren noch leben möchte. Für Argumente dafür bin ich immer offen 🙂 Erst einmal lese ich jetzt das Manuskript einer Sammlung mit Kurzkrimis aus Hagen Korrektur 🙂 © Birgit Ebbert

Berichte über einige Erlebnisse in Hagen im