(10.05.2014) Im letzten Jahr wurde in vielen Städten und Medien an die Bücherverbrennung der Nazis 1933 gedacht. Und hier ist es wie im wahren Leben: Die Tat und die Täter kennt jeder, aber diejenigen, die versuchen, den Opfern zu helfen, bleiben unbekannt. So ist es mit Alfred Kantorowicz, einem Schriftsteller, unter dessen Ägide schon ein Jahr nach der Bücherverbrennung in Paris die Deutsche Freiheitsbibliothek eröffnet wurde.

Am 10. Mai 1934, dem ersten Jahrestag der NS-Bücherverbrennung, wurde in Paris eine Bibliothek mit 11.000 Büchern eröffnet, deren Druck-Geschwister im Jahr zuvor den Flammen übergeben worden waren. Zusammen mit André Gide, Romain Rolland, H. G. wels, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann und vielen anderen wollte Alfred Kantorowicz dafür sorgen, dass die Bücher eben nicht in Vergessenheit gerieten, wie die Nationalsozialisten es geplant hatten.

Ihre Bestände füllte die Bibliothek durch Spenden – nicht nur, aber auch von Exilanten, die vor den Nazis nach Paris geflohen waren. Ganze Privatbibliotheken wurden dem „Komitee zur Gründung einer Bibliothek der verbrannten Bücher“ übergeben, dessen Ehrenpräsident Romain Rolland war.

Fünf Jahre lang diente die Bibliothek, die anfänglich in der Wohnung Kantorowicz und später in einem Atelier im 13 Arrondissement untergebracht war, als Archiv und kultureller Treffpunkt, ja sogar als Notquartiert für Flüchtlinge aus Deutschland. Und immer wurden Bücher und Materialien gesammelt. Am Ende umfasste die Deutsche Freiheitsbibliothek 20.000 Bücher, 200.000 Zeitungsausschnitte, tausende von Flugblättern, Broschüren, Handzetteln und Kampfschriten gegen den Nationalsozialismus.

Begonnen hatte die Initiative unpolitisch, abgesehen vom Widerstand und Kampf gegen die Nazi-Diktatur. Mit der Zeit gelang es der kommunistischen Bewegung, die Idee für sich zu requierieren, was noch heute dazu führt, dass auf einer Seite im Netz davon gesprochen wird, dass dort Dokumente gesammelt wurden, „die kommunistische Schriftsteller und Journalisten gemeinsam im Exil zusammengeführt hatten“. Es waren nicht nur kommunistische Autoren, die sicher auch dabei waren, deren Werke in der Deutschen Freiheitsbibliothek gesammelt wurden. In dem Buch „Verboten und verbrannt“, das mir in einer Originalausgabe von 1947 vorliegt, stellt Alfred Kantorowicz einen Teil der Autoren vor, deren Bücher sich in der Bibliothek befunden hatten. Viele von ihnen würden den Stempel „Kommunistischer Autor“ weit von sich weisen. Und darum ging es Kantorowicz und seinen Kollegen auch nicht. Sie wollten vielmehr ein Zeichen gegen die Nazis setzen, deshalb fand die Eröffnung am 10. Mai 1934 statt und deshalb versuchte Kantorowicz diesen Tag zum Tag des freien Buches zu erklären. Im Interesse der Literatur und nicht im Interesse des kommunistischen Gedankens.

Wie auch immer, eines steht fest. Die Bibliothek hat den Krieg nicht überdauert. Kantorowicz hat der Idee den Rücken gekehrt, als die Kommunisten das Sagen übernahmen, als er nach seinem Kriegseinsatz in Spanien zurückkehrte, fand er eine veränderte Bibliothek vor, die seiner Idee nicht mehr entsprach. Wenig später wurde die Bibliothek zerstört, ob von Franzosen oder Deutschen nach dem Einmarsch in Paris, ist nicht schlussendlich geklärt. Erhalten geblieben ist Kantorowics Buch „Verboten und verbrannt“, das die Leser zurückführt in die Zeit vor 70 und 80 Jahren und die Verbrechen der Nazis an der deutschen Kultur aus damaliger Sicht darstellen.

Artikel von Alfred Kantorowicz in der ZEIT-Ausgabe 19 aus dem Jahr 1958 über den Tag des freien Buches

Hintergründe, Orte und Autoren der Bücherverbrennung 1933 auf meiner Seite zum Roman „Brandbücher“

Ausstellungen in der Region Ludwigshafen zur Deutschen Freiheitsbibliothek