Kranich Nummer 1000(07.01.2016) Im letzten Jahr hat sich nach zig Jahren wieder Origami in mein Leben geschlichen. Angefangen hat alles schon im September 2014, als ich bei einer Ausstellung in der Kooperative K einen kleinen „Baum“ mit vier gefalteten Kranichen bekam und wenig später anfing, Delfine zu falten, weil die Protagonistin eines Romans unbedingt Delfine falten sollte. Wie das manchmal so ist im Leben, schlummerte das Thema in mir, bis ich im letzten Herbst spürte, dass es Zeit wäre, das Tempo in meinem Kopf herunterzufahren. Da kam mir der Origami-Kurs in der Buchhandlung gerade recht und schon war ich infiziert. Ich erfuhr, dass nach einer japanischen Legende für denjenigen, der 1000 Kraniche faltet, ein Wunsch in Erfüllung geht. Also begann ich zu falten. In der Silvesternacht habe ich den 1000sten Kranich gefaltet. Bis dahin hatte ich das Prinzip schon verfeinert, nachdem ich zufällig kleine quadratische Mandala-Malblöcke entdeckt hatte. Na gut, dem Mandala angelehnte Meditationsbilder, wie ich gelernt habe, nachdem ich recherchiert habe, wo Mandalas herkommen – aus dem Buddhismus und sie beschränken sich keineswegs auf das Ausmalen von Mustern in Kreisen. Soviel habe ich mir gemerkt, gegen die 100.000 Mandala-Opfer, die da verlangt werden, sind die 1.000 Kraniche ja nichts 🙂 Nun wurde zuerst gemalt und dann gefaltet – selten habe ich mich so gut erholt zwischen den Jahren.

1000 Kraniche sollst du falten

Das ist nur ein kleiner Teil meiner Kranich-SammlungAber mich hat diese Legende nicht losgelassen und ich habe mich durchs Internet gewühlt, um einen Text zu finden, in dem diese Legende beschrieben wird. Nichts. Ok, ich kann kein Japanisch, vielleicht würde ich dort fündig. Allerdings gibt es unzählige Beiträge, in denen auf die 1000 Kraniche Bezug genommen wird. Einen Bekanntheitsschub hat dieser japanische Brauch, der noch heute von einigen Japanern gelebt wird, durch den Film „1000 Kraniche sollst du falten“ bekommen. Darin geht es um Sadako Sasaki, die während des Atombombenabwurfs auf Hiroshima nur 2 ½ Kilometer vom Zentrum der Explosion entfernt war. Zu dem Zeitpunkt war sie zwei Jahre alt und es sah so aus, als hätte sie die Katastrophe unversehrt überstanden. Mit 12 Jahren zeigten sich jedoch die Folgen, sie erkrankte an Leukämie, die man in jener Gegend auf die Strahlung durch die Atombombe zurückführte. Im Krankenhaus bekam sie Besuch – in manchen Artikeln ist vom Bruder die Rede, in anderen von einer Freundin namens Chizuko. Der Besucher oder die Besucherin brachte Sadako Origami-Papier mit und faltete ihr einen Kranich. Sie erzählte ihr, dass ein Kranker, der 1000 Kraniche faltet, einer Legende zufolge wieder gesund wird. Sadako fing sofort an, Kraniche zu falten, sie hat bis zu ihrem Tod wenige Monate später keine 1.000 geschafft, aber sie hatte ein Ziel, das sie für die letzten Lebenswochen ihre Krankheit fast vergessen ließ. Im Peace Park in Seattle steht übrigens eine Bronzestatue von Sadako mit einem Kranich, die immer wieder mit Kranich-Ketten behängt wird.

Entspannung pur beim Kraniche falten

Ein Teil der 1000 KranicheMir ging es ähnlich wie dem kleinen Mädchen, ich habe über dem Falten die Zeit vergessen und war damit beschäftigt, mir Gedanken zu machen, was ich mir wünschen könnte. Ich glaube inzwischen, dass genau das der Sinn des wiederholten Faltens ist: sich zu entspannen und über die eigenen Ziele und Wünsche nachzudenken.

Nun könnte man meinen, ich wäre doch leicht verrückt mit meinem Vorhaben, 1000 Kraniche zu falten. Immerhin befinde ich mich in guter Gesellschaft – ich habe erst kürzlich eine Frau getroffen, die erzählte, dass einige ihrer Kolleginnen ebenfalls an den 1000 Kranichen arbeiteten. Und wenn man bei Google 1000 Kraniche eingibt, findet man die interessantesten Geschichten. Immer wieder falten Schulen oder Gruppen 1000 Kraniche für den Frieden, denn durch die Geschichte von Sadako Sasaki, die 1991 unter dem Titel „1000 Kraniche musst du falten“ verfilmt wurde, wurden Origami-Kraniche zum Symbol für die Friedensbewegung. Sadakos Geschichte gibt es längst auch als Bilderbuch und Kindertheaterstück und ich wundere mir sehr, dass sie mir noch nicht früher begegnet ist. Aber alles hat seine Zeit. © Birgit Ebbert

Keine 1000 Kraniche im GlasNachtrag: Natürlich habe ich nicht aufgehört, Kraniche zu falten, inzwischen sind sie kleiner, weil die Landeplätze in meinen Bücherregalen belegt sind. Ich sammle sie in Vasen und Gläsern und habe so im neuen Jahr immer ein Mitbringsel parat, denn jeder einzelne verschenkte Kranich bringt dem Beschenkten Glück. Wie sagte ein kleiner Junge, dem ich die Geschichte erzählte: „Das ist aber doof, dass du erst Glück hast, wenn du 1000 Kraniche gefaltet hast und ich jetzt, wo du mir einen geschenkt hast.“ Für mich war es schon Glück zu erleben, dass sich ein kleiner Junge solche Gedanken machte und mit einem Lächeln weiterging.

Einige Links zum Weiterlesen

Faltanleitung für den Kranich Text / Video auf YouTube (Bei meiner Anleitung ist der letzte Schritt, die Flügel sanft auseinander zu rollen, damit sich der Körper aufplustert und der Kranich dreidimensional wirkt)

1000 Kraniche – Blog über das Falten der Kraniche

1000 Origami Kraniche – Senbazuru

1000 origami cranes for 1000 strangers (Blog Magic Daydreams)

Sadako Sasaki – 1000 Kraniche als Symbol für eine Welt ohne Atomwaffen

Film „1000 Kraniche musst du falten“ (YouTube)

Remembering Sadako Sasaki (Artikel über die Bronzestatue im Seattle Peace Park)

Sadako und die 1000 Kraniche (Bericht über eine Faltaktion in Steinfurt)

1000 Kraniche für einen Wunsch (Artikel über eine Faltaktion in Thüringen)

Judith Loske: Sadakos Kraniche (Über das Bilderbuch auf der Seite der Autorin)

Kranich flieg – ein Kindertheater (PDF-Dokument)