(24.03.2014) War das eine Freude, als ich die Einladung zu der Veranstaltung zum 30-jährigen Bestehen der Neuen Staatsgalerie in Stuttgart am 9. März erhielt. Zufällig hatte ich am 10. März ohnehin einen Termin in Stuttgart und so kam ich in den Genuss eines wunderbaren Gesprächs zwischen der jetzigen Direktorin der Staatsgalerie, Prof. Dr. Christiane Lange, und ihrem Vorgänger Prof. Dr. Peter Beye, der vor 30 Jahren für den Neubau des Museums verantwortlich war.

Zunächst einmal aber war ich überrascht, dass die Neue Staatsgalerie erst 1984 eingeweiht wurde, vier Jahre, ehe ich nach Stuttgart zog. Für mich hatte sich das Gebäude so harmonisch in die Stadt eingefügt und mit der Alten Staatsgalerie aus dem Jahr 1843 verbunden, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, dass es diesen Teil des Museums einmal nicht gab. Damit ist James Stirling genau das gelungen, was er erreichen wollte und sollte. Die Struktur der Umgebung um die vorhandene klassizistische Staatsgalerie einzubeziehen und alles zu einem ansprechenden Ganzen zu verweben.

Dass das nicht ganz ohne Reibungen gelang, beschreibt Peter Beye, der von 1969 bis 1994 die Staatsgalerie geleitet hat und dem man seine 82 Jahre nicht anmerkte. Man spürte noch heute seine Begeisterung für den Architekten James Stirling und die Architektur, die noch immer als Meisterwerk der postmodernen Architektur in Deutschland gilt. James Stirling gewann mit seinem Entwurf eine Ausschreibung, an der sich vier Architekten beteiligten. Die Vorgabe war, ein Gebäude zu entwerfen, das zu der alten Staatsgalerie, zu der vorbeiführenden Hauptverkehrsstraße und dem gegenüber liegenden Opernhaus passte.

Nachdem James Stirlings Entwurf gewonnen hatte, wurden zusammen mit ihm einige Kleinigkeiten angepasst, um das Haus offener zu gestalten. Er hatte zum Beispiel eine hohe Wand zur Straße hin vorgesehen, die durch eine Rampe ersetzt wurde, um stärker einladend zu wirken. Das führte dann wieder dazu, dass die von ihm geplanten, zum Klassizismus der Alten Galerie passenden Ecken abgerundet wurden, damit die Neue Staatsgalerie in sich stimmig wirkte.

Auch im Innenbereich musste Stirling Kompromisse eingehen und man merkte dem 82-jährigen Peter Beye bei seinen Schilderungen an, dass er sich auch heute noch diebisch darüber freut, dass er sich durchgesetzt hat. Neben diesen grundsätzlichen Bemerkungen waren es vor allem die kleinen Hinweise und Anekdoten, die die Zuschauer begeisterten. Obwohl ich schon sehr oft in der Staatsgalerie war, ist mir zum Beispiel noch nie aufgefallen, dass am Übergang zwischen dem alten und neuen Museum die Außenmauer zur Innenmauer wurde, was wundervoll gelöst wurde. Ich habe mir das nach dem Gespräch schnell erneut angeschaut und war begeistert.

Und da sich eine der Anekdoten um meine Lieblingskunstwerke rankte, musste ich mir diese natürlich auch wiedr ansehen. Es ist das „Triadische Ballett“ von Oskar Schlemmer, das bei der Umgestaltung im letzten Sommer einen neuen Platz erhalten hat, was ich sofort bemerkt habe. Der „Bilderwächter“ war ganz glücklich, als ich ihn in ein Gespräch darüber verwickelte. Er zeigte mir seine Lieblingsfigurine und ein Bild von Oskar Schlemmer, das er zu Hause nachfotografiert hat. Wie genial ist das denn? Und wieder einmal so verblüffend, was man von Menschen so ganz nebenbei erfährt.

Ganz nebenbei hat Peter Beye nämlich erzählt, wie es den Schlemmer-Figurinen nach ihrem Einzug in die Neue Staatsgalerie erging. Sie standen in der Nähe der Außen-Innen-Mauer und wirkten ziemlich verloren. Also berieten sich Peter Beye und Joseph Beuys, der gerade in Stuttgart weilte, um seinen Raum einzurichten. Die beiden Herren entschieden, dass jede Figur einen Sockel bekommen musste, um ihre Kraft auszustrahlen. Da Oskar Schlemmer die Figuren ohnehin auf einem Sockel gezeichnet hatte, war das sogar ganz im Sinne des Künstlers. Also maßen die Herren und probierten, bis sie schließlich ein Maß fanden, mit dem sie die Sockel in Auftrag geben konnten. Dennoch sahen sie dem Eintreffen der Sockel mit leichter Besorgnis entgegen. Vielleicht hatten sie sich verschätzt, vermessen oder die Wirkung war mit Sockel eine ganz andere. Beide wussten schließlich, dass es oft Kleinigkeiten sind, die den Effekt eines Kunstwerks ausmachen. Man merkte Peter Beye die Erleichterung noch ein wenig an, als er schmunzelnd berichtete, dass die Figurinen auf Anhieb ihren optimalen Platz gefunden hatten. Eigentlich klar, schließlich waren zwei Kunst-Meister am Werk.

Der legendäre Noppen-Boden in der Staatsgalerie

In den Beuys-Raum bin ich selbstverständlich auch geeilt, obwohl das Ende der Öffnungszeiten näherrückte. Er hat mich schon immer beeindruckt, aber nach dem Bericht von Peter Beye noch ein wenig mehr. Hat er doch darauf hingewiesen, dass das der einzig noch existierende Raum ist, den Joseph Beuys selbst eingerichtet hat. Dafür hat er sich mehrere Wochen in Stuttgart aufgehalten und jeden Halm, jedes Fettbröckchen und jede Perle selbst hingelegt. Beuys hat bei der Gestaltung seiner Räume immer sehr auf das Gesamtkonzept geachtet, weshalb man sein Kunstwerk nie wieder genauso aufbauen könnte. Da kann man nur hoffen, dass die Staatsgalerie noch lange besteht und das Kulturgut bewahrt wird.

Apropos Kulturgut. Ich hatte nicht mehr die Zeit, sämtliche Werke, die in dem Stuttgarter Museum versammelt sind, anzuschauen. Bei eínigen Kunstwerken muss ich stets länger innehalten, wenn ich dort bin. Bei „meinem“ Kandinsky zum Beispiel, seiner „Improvisation 9“ und beim „Spot 1963“ von Robert Rauschenberg, zwei meiner Lieblingsbilder. Überrascht habe ich festgestellt, dass auch ein Bild des Hageners Emil Schumacher dort hängt: „Blessed Blue“ und fast hätte ich die Bilder von Mondrian vergessen, zum Glück hingen sie in der Nähe der Schlemmer-Figuren. Ach, eigentlich müsste ich alle Künstler nennen, deren Werke dort gezeigt werden. Ich kann es nicht beurteilen, glaube aber sofort, dass die Staatsgalerie neben der Kunstsammlung NRW die beste Ausstellung der Kunst des 20. Jahrhunderts in Deutschland ist, wie Peter Beye meinte, mit den weltweit besten Picasso-Beständen.

Was soll ich sagen? Bei meinem nächsten Aufenthalt in Stuttgart werde ich wieder reinschauen und mir mehr Zeit nehmen, um die Werke aller Künstler auf mich wirken zu lassen. Wenn ich Zeit habe, arbeite ich vorher das Katalog-Buch über die Staatsgalerie durch, an das ich mich leider erst in Stuttgart erinnert habe, sonst hätte ich es mir von Peter Beyer signieren lassen, der das Buch zusammen mit Gunther Thiem herausgegeben hat. Auf jeden Fall werde ich es ab jetzt ständig im Gepäck haben, wenn ich nach Stuttgart fahre. Man weiß ja nie. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen: www.staatsgalerie-stuttgart.de