Zunächst war es „Fantje“, die Figur eines Bilderbuchs von Adam Jaromir, der mich in den Stand des Gimpel-Verlags zog. Und dann erlebte ich dort ganz besondere Messebegegnungen und fand mich plötzlich an meine Studienzeit erinnert, als ich mich intensiv mit Janusz Korczak beschäftigt habe. Jenem polnisch-jüdischen Arzt, der es vorzog, mit den Kindern und Erzieherinnen aus seinem Waisenhaus in Treblinka zu sterben, als sich selbst zu retten. Jenem Janusz Korczak, der mit seinen Kinderbüchern über „König Hänschen I“ zeigt, wie eine Welt aussehen könnte, die Kinder sich wünschen und in seinem Waisenhaus versuchte, eine von Kindern (mit)bestimmte Welt zu schaffen. Das alles nicht heute in Deutschland, sondern vor dem zweiten Weltkrieg in Polen.

Adam Jaromir hat vier Jahre lang an seinem neusten Buch „Fräulein Esthers letzte Vorstellung“ gearbeitet. Und das sieht man dem Buch auch an. Mit kurzen Texten versetzt es die Leser in das Warschauer Ghetto, die sanften Illustrationen, die fast wie Fotografien jener Zeit wirken, helfen dem Betrachter, sich gedanklich in die Zeit zu begeben. Das ist wichtig, denn manches ist nur aus der Zeit heraus erklärlich. Der alte Doktor wusste eben nicht, was wir heute wissen. Er versuchte im menschlichen Chaos, das die Nationalsozialisten verursachten, seinen Zöglingen ein Leben voller Hoffnung zu ermöglichen. Adam Jaromir lässt die Leser teilhaben an den Gedanken Korczaks, die er akribisch aus seinen Texten und Tagebucheintragungen rekonstruiert hat, die er in der Originalsprache verstehen konnte. Während ich während des Studiums auf Wohl und Wehe eines Übersetzers angewiesen war, kann der Autor die Sprache des alten Doktors lesen. Bis zu seinem 14ten Lebensjahr hat Adam Jaromir in Polen gelebt. Dann kam er nach Deutschland und hat zu seinem großen Erstaunen Dinge über Janusz Korczak erfahren, von denen er noch nie gehört hatte. Das war der Impuls, der ihn dazu gebracht hat, sich intensiver mit Korczak zu beschäftigen.

Er kannte natürlich die Kinderbücher Janusz Korczaks, schließlich galt dieser als wichtiger Autor auch in Polen. Was er nicht wusste, das Korczak auch Jude war. Die Vernichtung der Juden, so erklärt er, war im Sozialismus Polens, in dem er aufgewachsen ist, kein Thema. Im Mittelpunkt stand der polnische Freiheitskampf, von da aus wurden die Taten der Nazis erklärt.

Als Adam Jaromir das erklärte, hatte sich der Kreis der Zuhörerinnen an dem winzigen Stand des Gimpel Verlags bereits deutlich vergrößert. Immer wieder blieben Besucher stehen und lauschten seiner engagierten Rede, der man anmerkte, wie wichtig ihm das Thema ist. Obwohl er, nur 30 Kilometer von Ausschwitz aufgewachsen ist, erzählt er, wusste er als Jugendlicher nicht, was sich in den 30er und 40er Jahren dort zugetragen hatte. Er ist froh, dass das heute anders ist und die Bevölkerung auch historische Zeugnisse, die auf jüdische Einwohner hinweisen, nicht mehr übersehen.

Mit seinem Buch über den alten Doktor, Fräulein Esther und das Warschauer Ghetto möchte er einen Beitrag leisten, an das Ghetto zu erinnern. Deshalb enthält es keine Geschichte, die man leicht auf der Couch herunterlesen kann, sondern Textfragmente. Gleichzeitig will Adam Jaromir zeigen, dass es wichtig und möglich ist, in ausweglosen Situationen die Hoffnung nicht zu verlieren.

Betrachtet man das Buch, stellt sich gleich die Frage, für wen es geschrieben ist. Als eine der Frauen das fragt, lacht Adam Jaromir. Er schreibe nicht für jemanden, sondern über etwas, erklärt er. Und dieses Buch musste geschrieben werden.

Ich habe es auf der Messe nur anlesen können und gerade bestellt, so wie der Autor es schreiben musste, so muss ich es besitzen – als gedrucktes Buch in all seiner Eindrücklichkeit.

Auf der Seite des Gimpel-Verlags gibt es einen Blog, in dem auch viel über das Buch zu finden ist inkl. einem Trailer, der hoffentlich wie der Messestand und mein Blog-Beitrag dazu beiträgt, dass das beeindruckende Buch seine Leser findet und wie das Schwester-Buch „Blumkas Tagebuch“ (von Iwona Chmielewska, auch im Gimpel-Verlag erschienen) in mehrere Sprachen übersetzt und vom israelischen Schulministerium geordert wird.