(10.11.2013) Als ich hörte, dass ich die diesjährige Albschreiberin werde, war ich natürlich neugierig zu erfahren, wer diesen Titel vor mir getragen hat. Da es erst vier Albschreiber vor mir gab, war es leicht, zu recherchieren, auch wenn ich leider nur wenige Beiträge meiner Vorgänger über ihre Albschreibertätigkeit fand. Dabei hätte mich brennend interessiert, was mich genau erwartet und was von mir erwartet wird. Auch nicht ganz unwichtig. Den Schwerpunkt bilden in jedem Fall, die Begleitung der Literaturtage und das Kennenlernen von Land und Leuten.

Manfred Mai, der Albschreiber aus dem letzten Jahr, hat mir geraten, Augen und Ohren offen zu halten und nicht so sehr auf die bekannten Sehenswürdigkeiten zu schauen, sondern mit den Menschen zu sprechen. Ich werde ihn in Albstadt treffen und natürlich über die Begegnung mit ihm berichten.

Ulrike Ulrich, der Albschreiberin von 2009, hat Zeit für ein Interview gefunden. Sie stammt aus Düsseldorf und lebt heute in der Schweiz, wo sie ihre Romane, Lyrik, Drehbücher, Kolumnen und Hörspiele schreibt. Mit einem Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Kommunikationswissenschaften hat sie in Münster eine wissenschaftliche Basis fürs Schreiben geschaffen. 2000 hat sie ihr erstes Werk veröffentlicht. Ich hoffe, dass sie mir indirekt für meine Tätigkeit geholfen hat, denn bei ihr funktionierten weder Handy noch Internet, als sie in ihrem Schreibdominizil eintraf. Inzwischen sollten diese Störungen behoben sein, hoffe ich. (Auf die Erfahrung mit dem Schneeräumfahrzeug könnte ich übrigens gut verzichten, ich suche bereits nach Möglichkeiten, den Wettergott zu bestechen, dass der Winter erst nach meiner Rückkehr einsetzt.)

An welche Erfahrung ihrer Albschreiber-Zeit erinnern Sie sich ganz besonders?
Ganz schöne Erinnerungen hab ich an die herrgottsfrühe Fahrt mit dem Schneeräumfahrzeug, wie überhaupt an die Massen von Schnee oben in Burgfelden und an die Schneeschuhwanderung. Aber auch Onstmettingen werde ich nie vergessen. Oder den Besuch bei Frau Beck in Lautlingen. Die Lebenshilfe-Werkstatt und die KünstlerInnen, die ich dort getroffen hab. Überhaupt natürlich die Menschen, die zufälligen Begegnungen und die festen Anlaufstationen.

Gibt es etwas, das aus Ihrer Albstadt-Zeit in Ihr heutiges Leben oder Werk hineinreicht?
Was ganz schön ist: Ich war mit meinen beiden Büchern in Albstadt eingeladen, jeweils kurz nach Erscheinen, mit „fern bleiben“ war ich in der Stadtbücherei in Ebingen und mit „Hinter den Augen“ erst vor ein paar Monaten in Tailfingen im Café Lenau. Das Café war überhaupt ein wichtiger Ort für mich, dort hab ich mich sehr wohl gefühlt und gut schreiben können, den Tipp hatte ich vom Herrn Bürgermeister persönlich. Und sonst: einige Kontakte, viele Erinnerungen, ein wunderschönes blaues Tulpenbild von Irene Schulz aus der Lebenshilfe-Werkstatt – und ich trinke immer Tee aus meiner grünen Albstadttasse.

Was sollte ich unbedingt anschauen, wenn ich in Albstadt bin?
Nein, da gebe ich keine Tipps. Rumkurven und Entdecken ist alles. Ob mit dem Auto durch Pfeffingen oder dem Schneeräumfahrzeug durch Truchtelfingen, mit einem Elektrofahrrad in Margrethausen oder zu Fuß in Laufen. Es geht immer auf und ab (Ausserdem sind die Albstädter ausgezeichnete Fremdenführer und Fremdenführerinnen).

Welche Auswirkungen hatte Ihre Tätigkeit als Albschreiberin  auf Ihre Autoren-Karriere?
Ich habe erst gelesen: auf meine Autorenn-Karriere. Das hätte man auch meinen können, so zackig wie ich da mit meinem Albschreiberinnenauto unterwegs war.
Aber im Ernst: Irgendwie ging es nach Albstadt so richtig los. Bergauf, meine ich. Wie sehr das mit meiner Albschreiberinnenzeit zu tun hat, kann ich nicht sagen. Aber danach kam mein erstes Buch heraus, gab es eine ganze Reihe von Preisen und Stipendien. Konkret kann ich sagen, dass ich dort zum ersten Mal so richtig gebloggt habe, und das hat mir viel Spaß gemacht, und 2010 wurde ich dann auch als Bloggerin für die Solothurner Literaturtage angefragt. Vielleicht gilt ja für Albstadt, was sie auch von New York sagen: If you can make it there…

Welchen Tipp würden Sie mir für die Zeit in Albstadt geben?
Ich hatte mal den Spruch „Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein“ am Kühlschrank kleben. Als Albschreiberin fand ich es wichtig, offen zu sein, viel auf- und mitzunehmen, aber ab und zu musste ich auch mal dicht machen, mich nach Burgfelden zurückziehen, einen langen Spaziergang machen oder ein bisschen herumfahren – die wunderbare Landschaft auf der Alb lässt einen ganz schnell wieder zu sich kommen.

Der Vorgänger von Ulrike Ulrich war Sobo Swobodnik, der 2007 als erster Albschreiber in Albstadt unterwegs war. Seine Erlebnisse hat er in einem Buch zusammengefasst: „Dem Himmel ganz nah“. Im Herbst 2007 fuhr er fast sechs Wochen mit einem Wohnmobil über die schwäbische Alb. (Bin ich froh, dass ich ein festes Dach über dem Kopf bekomme!) 25 Stunden Interviewmaterial hat er in dieser Zeit gesammelt – wie gut, dass ich mir noch schnell ein neues Diktiergerät gekauft habe, das angeblich über eine Aufnahmezeit von 1626 Stunden verfügt – upps, da könnte ich es ja die ganze Albstadt-Zeit durchlaufen lassen! Interessant finde ich, dass er u. a. eine kriminalistische Führung bekommen hat. Eine gute Idee! Sobo Swobodnik ist gebürtiger Schwabe, er lebt heute in Berlin und schreibt neben Romanen Kinderbücher, Theaterstücke und dreht Filme.

2011 wurde dann der Lyriker Peter Rother aus Dresden als Albschreiber ausgewählt. Er war zu der Zeit Leiter des Aphasiker-Zentrums Sachsen. 1973 sind seine ersten Gedichte erschienen, seit 1988 ist er als freischaffender Autor tätig. © Birgit Ebbert