(13.11.2013) Wenn ich in den letzten Tagen erzählt habe, dass ich nach Albstadt fahre, gab es immer mal den einen oder die andere, die Albstadt nicht kannten. Ich vermute, dass es mir dort genauso ergehen wird, wenn ich Hagen oder Borken erwähne. (Für den Fall habe ich mich mit schön illustrierten Broschüren gewappnet.)

Ich gebe zu, dass Albstadt so interessant ist, hätte ich auch nicht gedacht. Das ist das, was mich an der Tätigkeit als Albschreiberin fasziniert. Ich beschäftige mich intensiv mit einem Ort. Natürlich würde ich das gerne auch mit Hagen oder Borken machen, aber das geht im Alltag doch unter. Dabei gibt es interessanterweise zu beiden Städten durchaus Parallelen. In Albstadt spielt wie in Borken die Textilindustrie eine große Rolle und in Albstadt finden sich wie in Hagen interessante Jugendstil-Villen. Für Foto-Stoff ist also auf jeden Fall gesorgt – historische, kulturelle und natürliche Motive warten auf mich. Ok, sie stehen nicht dort und warten im eigentlichen Sinne, sie sind einfach da und ich kann sie fotografieren. Doch zunächst fahre ich 475 Kilometer von Hagen, A45, A5, A67, A6, A81 bis zur Abfahrt Albstadt und dann noch eine Weile durch die Wälder, in denen ich – das weiß ich noch aus dem Sommer – keinen Handyempfang haben werde. Schwäbische Alb eben.

Albstadt ist ein Zusammenschluss aus neun Gemeinden, die sich teilweise bis ins 5. Jahrhundert vor Christus zurückverfolgen lässt. Es hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich, die Gemeinden gehörten mal zu diesem, mal zu jenem Lokalfürsten, die zum Teil auch über die Region hinaus bekannte Namen tragen wie die Zollern oder Stauffenberg. Dieser historische Bezug ist in den Orten noch spürbar, das habe ich im Sommer am Beispiel von Lautlingen (erstmals erwähnt 793, ca. 1.800 Einwohner) mit der alten Pfarrkirche und dem Stauffenberg-Schloss gemerkt.

Während meiner Zeit in Albstadt werde ich im kleinsten Stadtteil wohnen, in Burgfelden, dort leben 314 Menschen und ich hoffe, dass einer von ihnen mir ein fixes WLan zur Verfügung stellt, damit ich auch spätabends und nachts bloggen, posten und surfen kann. Wenn ich nicht ohnehin dort eingeschneit werde, immerhin liegt Burgfelden 912 m hoch – ich habe eine Depesche an den Wettergott geschickt, den Schnee noch mal für zwei Wochen einzumotten. Hoffentlich wirkt es.

Im Sommer und vor 20 Jahren war ich in einem weiteren Stadtteil Albstadts: Ebingen, wo sich – wenn ich das richtig verstanden habe – neben der Stadtbücherei, dem Bildungszentrum und der Redaktion des Zollern-Alb-Kuriers auch das Rathaus befindet. Das würde dem Stadtteil auch zustehen, ist er doch mit rund 18.500 Einwohnern der größte der neun. (Da frage ich mich gerade, ob es für die Ortsteile auch einen Merksatz gibt wie für die neun Planeten. Kommt auf meine Frageliste, sonst denke ich mir einen aus.)

Ebenfalls 793 erstmals erwähnt, damals war anscheinend viel los in der Region, wurde Laufen an der Eyach, dessen Name schon erahnen lässt, dass es dort einen Fluss gibt. Die Eyach, hier muss ich unbedingt herausfinden, ob es den Wasserfall, der bei Wikipedia erwähnt wird, noch gibt. Auch nicht ganz klar wird dort, ob die Papiermühle, die dem Cotta-Verlag das Papier für Goethes Werke geliefert hat, noch steht. Es gibt viel zu tun. Dabei waren das erst vier von neun Stadtteilen!

Da gibt es noch Margrethausen, das – wenn ich das richtig verstanden habe – hauptsächlich aus einem alten Kloster besteht, in dessen Resten heute die Kirchengemeinde, die Verwaltung die freiwillige Feuerwehr und der Albverein wirken.

Für mich schwer auszusprechen ist Onstmettingen, ich werde es mir ein paar Mal vorsagen lassen, ehe ich mich daran traue. Das ist der Ort, in dem es kürzlich archäologische Funde gab, nach denen er schon im 5. Jahrhundert vor Christus besiedelt war. Urkundlich erwähnt wurde der Ort später. (Gibt es denn überhaupt Urkunden aus dem 5. Jahrhundert?) Dort hat der mir aus Echterdingen namentlich, nicht persönlich bekannte Pfarrer Philipp Matthäus Hahn gewirkt, was in einem Museum dokumentiert ist, das ich unbedingt besuchen will.

Die oben erwähnte Eyach entspringt im Übrigen in Albstadt – ich sag ja, auch Naturfotografen kämen dort zum Zuge. Der Ursprung liegt in Pfeffingen, das scheinbar schon früh Menschen angezogen hat. Dort wurden nämlich Spuren aus der Eisenzeit gefunden. Die Schüler in Albstadt haben es wirklich gut, sie können viele geschichtliche Epochen live erleben. Außerdem werde ich Ausschau halten nach dem „Keaweib“, einer Statue, die an den Handel mit Kienspan erinnert. Das muss ich mir unbedingt erklären lassen.

Ich sag’s ja, in Albstadt wird Geschichte bzw. werden Geschichten lebendig – im wahrsten Sinne des Wortes. Tailfingen wurde, so heißt es, durch Tagolf vermutlich im 5. oder 6. Jahrhundert gegründet. Um diesen Tagolf, von dem ich – sorry – noch nie gehört hatte, geht es in einer Erzählung von Carl Metzger, den ich ebenfalls nicht kenne. Wird Zeit, dass ich mein Allgemeinwissen vor Ort aufbessere. Im Maschenmuseum kann ich gleich meine sehr, sehr, sehr geringen Kenntnisse in Sachen Textilindustrie aufbessern, da erwähne ich dann aber lieber nicht, wo ich aufgewachsen bin.

Was mich wirklich brennend interessiert, warum Tagolf in einer Erzählung vorkommt und Truchtolf anscheinend nicht. Merkwürdig, da nach ihm Truchtelfingen benannt wurde. Diese „fingen“-Orte, die machen mich ganz wuschig. Hoffentlich finde ich vor Ort jemanden, der mir eine kleine Lektion in Sachen Ortsnamen erteilen kann. Und mir vielleicht gleich noch etwas über Hermann Essig erzählen kann, der dort 1878 gelebt hat.

Die Lektüre meiner Ausdrucke hat meine Neugier auf die Stadt und die Menschen, die in dieser Mischung aus Natur und Kultur leben, kennenzulernen. Ein paar Stunden noch.