(28.09.2014) Ein Ballett zum Buch – das konnte ich mir nicht entgehen lassen. Gestern Abend hatte das Ballett „Alice im Wunderland“ von Ricardo Fernando nach Lewis Carroll seine Uraufführung im Theater Hagen. Ricardo Fernando hatte sich keine leichte Aufgabe vorgenommen, gibt es doch weder ein Libretto noch eine Komposition zu der Geschichte, was gleichzeitig ein Glücksfall für die Kreativität ist. Natürlich ist die Handlung vorgegeben. Die kleine Alice wird von dem weißen Kaninchen ins Wunderland geführt und begegnet dort allerlei skurilen Figuren, die ihr mehr oder weniger wohlgesonnen sind.

Das Ballett beginnt damit, dass Alice, überzeugend dargeboten von Tiana Lara Hogan, sich langweilt und ihre Eltern nervt, bis diese sich entscheiden, Alice ins Internat zu schicken. Dort ist es noch langweiliger als zu Hause und dann glucken ständig kopflose Herren um Alice herum und trietzen sie. Die Einladung des weißen Kaninchens, das zunächst als Videoanimation über die Bühne hoppelt und später von Shinsaku Hashiguchi getanzt wird, kommt also gerade rechtzeitig. Schon schwebt Alice in einer Animation mit dem weißen Kaninchen durch einen Tunnel und landet mitten zwischen den merkwürdigen Figuren, die sie zu allerlei Schabernack einladen – getanzt natürlich. Etwas trübt die Freude der Bewohner des Wunderlandes allerdings. Die Angewohnheit ihrer Herzkönigin, getanzt von Sofia Romano, alle Wesen, die ihr quer kommen, zu köpfen. Auch Alice droht dieses Schicksal, doch dank der Freunde, die sie inzwischen gewonnen hat, kann sie sich retten.

So quirlig und lebensfroh wie in der Geschichte ging es gestern Abend auch auf der Bühne zu. Zu Musikstücken aus Alice-Filmen und Auszügen aus Tschaikowskys Alice in Wonderland wirbelten die 14 Tänzer des Hagener Balletts in wechselnden Rollen und Kostümen auf die Bühne. Sie zogen die Zuschauer derartig in ihren Bann, dass die Zeit ebenso schnell verflog wie die Zeit für Alice im Wunderland.

Licht, Bühnenbild und Video-Animationen sorgten zusätzlich für ein Fest der Sinne, das einen geradezu verzauberte, sodass es mir vor der Pause und am Ende des Balletts ging wie Alice, als sie plötzlich zurückversetzt wurde in die Schule. Ich musste mich erst einmal orientieren, wo ich mich befand.

Eine überzeugende Leistung, an der viele auf der Bühne und hinter den Kulissen mitgewirkt haben und denen ich viele Besucher wünsche. Diese sollten sich keinesfalls die Einführung von Dr. Maria Hilchenbach entgehen lassen. Nicht nur, weil sie all jenen, die den Inhalt der Geschichte nicht im Kopf haben, auf die Sprünge hilft. Dort erfährt man einiges über die Entstehungsgeschichte des Buches, das Lewis Carroll, der mit bürgerlichem Namen Charles Lutwidge Dodgson hieß, dem Vorbild seiner Geschichte, der kleinen Alice Pleasance Liddell, Weihnachten 1864 als handgeschriebenes Buch auf den Gabentisch legte. Wer bis Weihnachten kein Buch für seinen Liebling schreiben will, dem empfehle ich einen Gutschein für einen gemeinsamen Besuch des Balletts „Alice im Wunderland“, das derzeit in dieser Form nur in Hagen die Zuschauer verzaubert. © Birgit Ebbert

Fotos: TheaterHagen/Klaus Lefebvre