(19.11.2013) Gestern Abend hat uns Henning Scherf mitgenommen auf eine Alltagsreise in das Leben im Alter. Das Bildungszentrum platzte förmlich aus allen Nähten und man konnte eine Stecknadel fallen hören, als er 90 Minuten lang ohne Manuskript aus seinem WG-Alltag erzählte und davon berichtete, was er auf seiner „Altersreise“ erlebt hat.

Ehe er jedoch mit seinem Vortrag, der mehr Erzählung als Abhandlung war, begrüßte er jeden einzelnen Besucher per Handschlag und fragte hier nach dem Hintergrund und fand dort Gemeinsamkeiten. Besuchern, die stehen mussten, trug er spontan seinen Rednerstuhl an – und hin, weil er selbst die ganze Zeit über stand und den vorbereiteten Tisch und Stuhl außer Acht ließ.

Anschließend fesselte er die Zuhörer mit den Schilderungen seiner persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse, der Entscheidung für die altersgemischte Wohngemeinschaft, dem Aufbau des Hauses, seiner Suche nach ähnlichen Modellen und seinen Aufenthalten in Pflege-WGs in ganz Deutschland, über die er das Buch „Altersreise“ geschrieben hat. In dem Buch beschreibt er unter anderem seine schönste Begegnung bei der Tour durch die Pflegewohngemeinschaften. Es war die Begegnung mit dem Star seiner Jugend, der Schauspielerin Beate Lenders, die er zufällig wiedertraf und mit der ihn seitdem eine tiefe Freundschaft verbindet.

Seine Anregungen für junge und alte Zuhörer und Leser lautet übrigens: Zieht euch nicht aus der Welt zurück, sondern knüpft Bande, die über den Moment hinaus halten, singt und kocht miteinander, sucht euch eine Aufgabe, die euch gefällt und die ihr bewältigen könnt, lest, treibt Sport und lasst euch vor allem nicht in „Altersghettos“ abschieben.

Obwohl er – immerhin 75 Jahre alt – so lange gesprochen und viele Bücher signiert hatte, war er anschließend noch zu einem kleinen Gespräch bereit. Ehe ich meine Fragen stellen konnte, erinnerte er sich an seine Zeit am Landgericht in Hagen, die ich in seiner Vita nirgends entdeckt hatte. Schon hatten wir eine Gemeinsamkeit über unsere Neugier hinaus und die Idee einer Alters-WG, die ich mit einer Freundin schon Mitte der 80er Jahre, als wir gerade mal 20 Jahre alt waren hatten. Aber Henning Scherf hat sie umgesetzt – übrigens auch schon zu einer Zeit, als er noch Regierungschef in Bremen war!

Mich hat schon bei der Vorbereitung auf den Abend beeindruckt, was Henning Scherf alles noch macht. Deshalb wollte ich von ihm vor allem wissen, wie er das hinbekommt. „Mit kompetenten und guten Hauptamtlichen in den Einrichtungen“, erklärt er mir, die sich untereinander abstimmen, sodass er sich nicht um den Kleinkram kümmern muss, sondern seine ganze Energie auf die Inhalte und die neuen Erfahrungen richten kann.

Besonders am Herzen liegt ihm neben dem würdigen Wohnen im Alter das Singen, das wurde schon beim Vortrag deutlich. Kein Wunder, hat er mir doch verraten, dass er schon als Junge in einem ambitionierten Knabenchor gesungen hat, den er nach dem Stimmbruch leider verlassen musste. In den Jahrzehnten danach sang er, wenn sich die Gelegenheit bot, seit er pensioniert ist, endlich wieder in einem Chor, dem Bremer RathsChor, der mit großen Orchestern zusammen auftritt und sich auch an anspruchsvolle Musikwerke heranwagt.

Nach dieser Begeisterung für Musik hatte ich erwartet, dass sein Kindheitstraum vielleicht war, Sänger zu werden. Weit, sehr weit gefehlt. Seine erste spontane Antwort auf meine Frage nach einem Kindheitstraum lautete: „Ich wollte Pferd werden, weil mir an Pferden gefallen hat, wie ausgeglichen, treu, schön und anhänglich sie sind.“ Irgendwann hat er dann aber erkannt, dass dieser Traum unerreichbar ist und sich umorientiert und darüber nachgedacht, Pastor oder Missionar zu werden. Heute ist er froh, dass er nicht Pastor geworden ist, weil er über viele Regularien der Amtskirche nur den Kopf schütteln kann. Aber, Herr Scherf, ich finde, Ihren Traum „Missionar“ zu werden, haben Sie sich erfüllt. Ihre Mission ist nicht die Religion, sondern die Achtung vor dem Alter als eigener Lebensphase, über die man sich nicht früh genug Gedanken machen kann und die ihre schönen Seiten hat. Wie hat der Bürgermeister so schön gesagt: „Sie haben mir die Angst vor dem Alter genommen.“ Und wenn ich die Reaktionen im Publikum richtig gedeutet habe, ist der eine oder andere mit einem neuen Blick auf die Zukunft im Alter nach Hause gegangen. Davon träumen manche kirchliche Missionare nur. © Birgit Ebbert