(29.03.2014) Die Suche nach einem schönen Tatort für einen literarischen Mord in Dortmund hat mich in der letzten Woche zur Kokerei Hansa geführt. Über Umwege, denn zunächst wollte ich mir das Alte Hafenamt anschauen, das 1899 – im Geburtsjahr Erich Kästners! – eingeweiht wurde. Leider ist es seit Anfang des Jahres nicht mehr möglich, das Gebäude zu besichtigen. Trauungen werden noch angeboten, aber extra wegen eines Blicks in das alte Gemäuer zu heiraten, finde ich doch etwas aufwendig. Also habe ich mich mit einem Außenblick begnügt und Fotos (siehe unten) von Corvo als „Anchor-Corvo“ und der Strandbar „Hafenglück“, vielleicht entpuppt sich letztere sogar als geeigneter Tatort.

Aus Enttäuschung über die verschlossene Tür des Hafenamtes habe ich mich wieder ins Auto gesetzt und bin der Route Industriekultur gefolgt. Erstaunlich, was einem da begegnet. Ich weiß, das Klärwerk von 1994 böte viele Tatortoptionen, aber das ist mir doch zu jung. Das Pumpenwerk wäre da schon interessanter, doch ehe ich das Schild gelesen hatte, war ich schon an der Parkmöglichkeit vorbei und stand auf dem Parkplatz der Kokerei Hansa. Kokerei – schon der Name ließ mich an verkokelte Körper denken.

Das war aber auch meine einzige Assoziation zu Kokerei. Ich wusste zwar, dass die Kokerei Hansa zu den Industriedenkmälern zählt, was jedoch in einer Kokerei getan wurde, war mir gänzlich unbekannt. Ich ahnte, dass es etwas mit Kohle zu tun hatte, weil in der Nähe Fördertürme standen und mir auch beim Besuch der Zeche Zollern der Begriff „Kokerei“ begegnet war. Nun bin ich schlauer: In einer Kokerei werden Koks hergestellt. Nein, kein Kokain! Sondern jene Kohlestückchen, wie sie meine Eltern in dem kleinen Kohleofen verheizt haben, der in unserer ersten Wohnung stand.

Die Kokerei Hansa wurde 1927/28 gebaut, um aus der Steinkohle der umliegenden Zechen Koks herzustellen. Koks ist nichts anderes als Steinkohle, die auf über 1000 Grad erhitzt wird. Da auf diese Weise der Kohlenstoffgehalt erhöht wird, eignet sich Koks besser als Brennstoff denn Steinkohle. Die Kokerei ist schon seit gut 20 Jahren nicht mehr in Betrieb. Die Gebäude stehen jedoch noch, sodass das Gelände einen Eindruck von der Arbeit vermittelt. Derzeit sind zwar nur die Kompressorenhalle und die Waschkaue zu besichtigen, aber auch beim Gang über das Gelände spürt man, welcher Erfindergeist und welche Logistik bereits lange vor unserer Zeit herrschte.

Mich hat schon von weitem der Löschturm fasziniert, der mit seinen Holzwänden wirkt, als käme er direkt aus einem Western. Unglaublich, wie er in die ganzen Abläufe integriert war und wie geschickt die Architekten schon damals solche Fabriken geplant haben.

Beeindruckend sind aber auch die riesigen Kompressoren in der Maschinenhalle. Riesige Räder mit riesigen Pleulstangen, die mir das Gefühl gaben, in einer Riesenwelt zu sein. Und dann die Schraubschlüssel, die vor der ersten Maschine lagen, mit einem geschätzten Schraubdurchmesser von 40 cm sind bomastisch. Aber es gibt auch tatsächlich die Muttern dazu an den Kompressoren. Auch hier kam ich aus dem Staunen nicht heraus, dass solche Maschinen bereits 1927 oder 1928 produziert wurden.

Beim Stromern durch das Gelände entdeckte ich dann die Kohlenbandbrücke, auf der die Steinkohle aus den Zechen in den Sortenturm gelangten. Diese Brücke sieht von weitem aus wie eine Kombination aus Sitzlift und Laufband wie es „mein“ Supermarkt in Bochum hatte. Leider durfte ich nicht näher an das Gebäude oder Gefährt, wie auch immer ich das nennen soll, heran. Es hat mich sehr interessiert, was genau sich auf dieser Brücke jetzt befindet. Die nebenstehende Teleaufnahme hat meine Neugier eher noch mehr geweckt, als sie zu beruhigen. Sind das Sitzlehnen, die da zu sehen sind oder sitzen da gar Figuren? Fragen über Fragen, die ich bei einem nächsten Besuch klären werde. Bis dahin sind die Arbeiten auf dem Gelände auch vielleicht vorangeschritten. Dort wird nämlich zurzeit eine Art Industriepark vorbereitet. Die Wege werden befestigt, Schutzgeländer angebracht und wer weiß was sonst noch gearbeitet. Wir durften uns leider nur in einem begrenzten Bereich bewegen, aber dafür ist der Eintritt derzeit auch frei und alleine die Kompressorenhalle und die Waschkaue sind beeindruckend.

Apropos Waschkaue. als ich die eigentliche Waschkaue betrat, wechselten sich zwei Gedanken in meinem Kopf ab: Die Rohe, die aus der Decke kamen, erinnerten mich spontan an meinen Besuch im Konzentrationslager Dachau. Das ist also das Vorbild für die Gaskammern, dachte ich. Zum Glück lenkte mich der Anblick der Seifenspender, die in die Wand eingelassen waren, von diesen trüben Assoziationen ab. Als ich die Reihe der Seifenspender sah, hatte ich nämlich die Idee, künftig Lernhilfen mit Fotos zu versehen, weil mich die Reihe an Aufgaben wie „Was gehört nicht in die Reihe?“ oder „Vervollständige das zweite Bild“ erinnerten. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen über die Kokerei Hansa, auf deren Gelände übrigens auch noch Goldfische zu betrachten sind: www.ruhrgebiet-industriekultur.de/kokerei-hansa.html

Corvo als Anchor-Corvo im Alten Hafen & möglicher Tatort im Dortmunder Hafen