(06.11.2019) Bis in den Eingangsbereich der Forschungsbibliothek hatte ich es ja schon geschafft für eine Kolumne zur Buchmesse. Am Reformationstag bin ich nun im Rahmen einer Sonderführung in die „heiligen Hallen“ mit den alten Büchern vorgedrungen und beeindruckt, welche Buchschätze dort liegen. Ein Paradies für Fans alter Bücher und ForscherInnen, vor allem der Naturwissenschaften.

Eine Bibliothek mit langer und wechselvoller Geschichte

Als Gründungsjahr der Bibliothek gilt das Jahr 1647! Aus dieser Zeit gibt es eine Bauzeichnung von Schloss Friedenstein, in der ein Raum für die Bibliothek vorgesehen ist. Auch damals schon in dem Turm, in dem sich die Bibliothek noch heute befindet. Inzwischen braucht sie den ganzen Ostflügel, um ihre Schätze unterzubringen, ein Teil davon in Räumen, deren Decken und Böden oder sogar deren ganzes Interieur mehrere hundert Jahre alt ist. Wie viele Bücher wirklich in den Räumen schlummern, ist schwer zu beziffern, da vor Jahrhunderten die Bücher nicht wie heute gebunden und mit Umschlag verkauft wurden, sondern als Loseblattsammlung, die sich jeder binden lassen konnte.

Viele haben dann nicht ein einzelnes „Buch“, sondern mehrere Titel zusammengebunden. Ein Großteil der Bücher, die heute in der Bibliothek stehen, hat übrigens schon eine große Reise hinter sich. Nach Ende des zweiten Weltkriegs wurden die Bestände der Bibliothek als inoffizielle Reparationsleistung nach Russland geschafft. Das belegen russische Stempel in vielen Büchern. 1957 wurden die Bücher zurück in die Bibliothek gebracht, zumindest zum großen Teil, das eine oder andere Buch ist wohl auf dem langen Weg verloren gegangen.

Die Sammlung zur Reformationsgeschichte

Die Sonderführung am Reformationstag fand statt, weil sich in der Forschungsbibliothek ein großer Bestand an Büchern zur Geschichte der Reformation befindet. Dies auch deshalb, weil die Ernestiner, zu denen die Gründer der Bibliothek gehörten, die Reformation in Wittenberg mit ermöglicht haben und entsprechende Materialien gesammelt haben. Zwar ging ein Teil der Unterlagen verloren, nachdem Wittenberg durch Teilung des Herzogstums an eine andere Familienlinie fiel, aber traditionell wurde weiter gesammelt und daran gearbeitet, die Sammlung zu vervollständigen. Heute stehen im Bibliotheksflügel von Schloss Friedenstein Ausgaben sämtlicher Veröffentlichungen der ersten und zweiten Generation der Reformation, einschließlich einiger Briefe von Luther, Melanchthon und Erasmus von Rotterdam. Manches wurde 1717 antiquarisch erworben, was heute, wenn es überhaupt auf den Markt käme, mit dem Budget der Forschungsbibliothek nicht leistbar wäre. Beispiele dieser Werke konnten bei der Führung angesehen werden. Das war beeindruckend, aber für mich, im sehr katholischen Münsterland aufgewachsen, bot die Führung gleichzeitig eine Auffrischung der Geschichte der Reformation, das war spannend. Wobei ich gar nicht weiß, ob das Thema überhaupt jemals im von Nonnen abgehaltenen Religionsunterricht thematisiert wurde 🙂 Manches hatte ich noch nie gehört, anderes vielleicht als Begriff wie der „Papstesel“ oder das „Mönchskalb“ – jetzt habe ich die Holzschnitte angesehen, und etwas zum Hintergrund gehört, das wäre allein Thema für einen Blogbeitrag 🙂

Das historische Münzkabinett

Nach der Wiederauffrischung von Luthers Geschichte und dem Crashkurs in Sachen Buchgeschichte durften wir das historische Münzkabinett betreten. Auch wenn dort keine Münzen mehr lagern, war es beeindruckend, schon wegen der vergoldeten Büsten der zwölf ersten römischen Kaiser. Aber vor allem, weil eine Zeichnung, ein Holzschnitt, ich hab’s vergessen, eine Illustration 🙂 in einem Buch zeigte, wie das Kabinett 1730 (!) ausgesehen hatte. Genau wie heute. Eingerichtet wurde es 1712 nach Ankauf einer Münzsammlung aus Arnstadt, die 100.000 Taler gekostet hatte, genauso viel wie 70 Jahre zuvor für den gesamten Bau von Schloss Friedenstein veranschlagt worden war! Ein bisschen verrückt waren die Herzöge schon, oder? Aber sie haben dadurch auch dazu beigetragen, dass wir heute uns das Leben in ihrer Zeit besser vorstellen können. Da will ich mal nicht so sein 🙂

Sollte ich in Gotha Zeit finden, werde ich in den Bestandskatalogen der Forschungsbibliothek stöbern, ob zu einem meiner Lieblingsthemen noch ein altes Buch zu finden ist. Am liebsten wäre mir ja ein uraltes Bastelbuch, na wenigstens eine Anleitung zum Servietten falten, ich schaue mal und empfehle euch, bei Forschungsprojekten auch in den Online-Katalog der Bibliothek zu schauen. Ich gucke jetzt mal und bin dann mal stöbern 🙂 © Birgit Ebbert www.birgit-ebbert.de