Andreas Felix Kroll
Croquis automatique I

(18.08.2013) Gelegentlich kommt es vor, dass ich ein Kunstwerk sehe und denke, das will ich auch machen – meist dann, wenn es so einfach aussieht wie „Corquis automatique I“ von Andreas Felix Kroll. Aber wie das so ist im Leben, was leicht aussieht, ist oft harte Arbeit. Das ist der Nachteil, wenn man Künstler aushorcht. Schwupps, schon ist eine Illusion zerstört, aber in der Regel wird diese winzige Lücke mit einer großen Faszination wieder aufgefüllt – so auch in dem Gespräch mit diesem Künstler.
Worum geht es in dem Kunstwerk? An der Wand eines kleinen Nebenraums befinden sich folierte Dokumentationskarten mit schwarzen Fineliner-Strichen. Im Hintergrund erklingt Musik und irgendwie ahnt man schon, dass beides miteinander zu tun hat.

In der Tat zeigen die Bilder Taktfrequenzen von Musik, die Andreas aufgezeichnet hat – ja, aufgezeichnet im wahrsten Sinne des Wortes. Aber nicht – wie es bei mir aussähe – schief und krumm, sondern exakt untereinander, sodass gleich die Anmutung einer Struktur erzeugt wird. Ich fühlte mich wie magisch angezogen von den Bildern – wirklich, von Finelinerstrichen auf weißem Papier. Kaum zu glauben, aber wer das Werk anschaut, wird es selbst erleben.
Auf die Idee zu diesem Kunstwerk kam Andreas Felix Kroll übrigens durch seine zweite Leidenschaft, das Laufen. Dass die erste Leidenschaft Zeichnen ist, ist klar, oder? Schon als Kind hat er gezeichnet. Hier muss sich der geneigte Leser ein breites Grinsen vorstellen. Andreas erzählte nämlich, er hätte als junger Mann gehört, dass man sich an der Kunstakademie bewerben könnte und hätte seine Mappe dorthin geschickt. Als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, dass man Zeichnungen oder Malereien für eine Bewerbung an der Kunstakademie in der Schublade hat. Ist es für Künstler wohl auch. Vielleicht ist es das, was Künstler ausmacht, dass sie eine Sammlung von Bildern oder Skizzen haben, über die andere eben nicht verfügen.
Doch zurück zum Zusammenhang zwischen Laufen und „Croquis automatique I“. Andreas hat festgestellt, dass sich beim Laufen sein Rhythmus der Musik anpasst und so kam er im Januar 2013 auf die Idee, diese Taktfrequenzen auch auf Papier zu übertragen. Seither setzt er sich, wann immer es seine Zeit erlaubt, mit Kopfhörer und Musik hin und zeichnet Taktfrequenzen. Manchmal drei bis vier Stunden am Stück, um erschöpft, aber entspannt und zufrieden wieder in den Alltag einzutauchen. Eine irre Idee finde ich, die dann auch noch zu einem Kunstwerk führt, das die Zuschauer rätseln lässt: Was ist nun die klassische Musik und was Heavy Metal?  Eine Dokumentenkarte entspricht etwa einer Stunde Musik oder sechs Musikstücken. Wenn man sich dann vorstellt, dass die gezeigten 70 Karten nur einen Teil des Werkes ausmachen, kommen da schon einige Stunden zusammen.
Sprach ich von zwei Leidenschaften? Es gibt noch eine dritte, die experimentelle Archäologie. Schon wieder so ein Begriff, den ich mir erklären lassen muss. Dabei geht es darum, Menschen erleben zu lassen, wie ihre Vorfahren vor x Jahren gelebt haben. Hier organisiert und leitet Andreas als freier Kulturwissenschaftler Projekte vor allem zur Steinzeit, unter anderem im Rahmen des NRW-Programms „Kultur und Schule.“
Und falls nun jemand sagt, na, solche Striche kann doch jeder zeichnen. Klar, aber man muss erst mal die Idee dazu haben und so leicht ist es nun auch nicht. Andreas Felix Kroll hat immerhin vor Jahren an der Kunstakademie studiert, auch wenn er diese ohne einen Abschluss verlassen hat. Das ist übrigens indirekt die Schule eines anderen Künstlers. Joseph Beuys. Ja, er hat Andreas und seine Mitstudenten angemeckert, warum sie in der Akademie herumsäßen, sie sollten lieber ans Rheinufer gehen und das Leben schnuppern. Tja, Andreas ist dem Ratschlag gefolgt – doch das ist eine andere Geschichte. Er hat dann nach der Schriftsetzerlehre als Jugendlicher noch einen Abschluss mit Meisterprüfung als Diplom-Designer erworben, ehe er sich wieder seinen Leidenschaften gewidmet hat, die heute sein Leben bestimmen. Vermutlich schaut Beuys jetzt von irgendwo zu und freut sich, dass das Werk von Andreas Felix Kroll trotzdem oder gerade deswegen in der Ausstellung im Osthaus-Museum gelandet ist. © Birgit Ebbert

Info über Andreas Felix Kroll auf dem Kulturserver NRW

Außer den öffentlichen Führungen mit Ausstellungskoordinatorin Dr. Christine Kracht am 01.09., 15.09. und 29.09. um 11.15 Uhr, gibt es jeweils donnerstags um 18.00 Uhr eine Führung mit Künstlern, die in der Ausstellung vertreten sind.
22.08. Zsolt S. Deák, Sandra Letzing, Sabine Kedzierski, Uwe Will
29.08. Jutta Tewes, Nuri Irak, Uwe Will
05.09. Arnold Bettges, Sandra Letzing, Nuri Irak, Uwe Will
12.09. Dietmar Schneider, Jutta Tewes, Zsolt S. Deák, Sabine Kedzierski, Uwe Will
19.09. Dietmar Schneider, Uwe Will
26.09. Dietmar Schneider, Jutta Tewes, Nuri Irak, Uwe Will

Am 3.10 findet um 11.15 Uhr eine Lesung mit Musik in der Ausstellung statt.

Weitere Informationen zur Ausstellung