Aus meinem Bücherregal – die Tagebuchausgabe von 1979

(10.01.2013) Eines meiner Schwerpunktthemen in diesem Jahr ist Anne Frank bzw. ihr Tagebuch. Im letzten Jahr habe ich mich mit viel Literatur und Besuchen eingestimmt, unter anderem habe ich die Werke von Anne Frank in der neu erschienenen Gesamtausgabe wiedergelesen. In meinem Bücherregal stand selbstverständlich das Tagebuch in einer Fischer-Taschenbuch-Ausgabe von 1979 mit einem Vorwort von Albrecht Goes und außerdem die FischerBoot-Ausgabe von „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“ von 1982.

Um die Dimension des Tagebuchs deutlich zu machen, ein Auszug aus dem Impressum meines alten Exemplars: 1979 gab es vier Ausgaben: die 47. Auflage im März (1.463.000 – 1.502.000), August 48. Auflage (1.503.000 – 1.542.000), September 49. Auflage (1.543.000 – 1.582.000) und Dezember die 50. Auflage (1.583.000 – 1.622.000). Beeindruckend, oder? Inzwischen ist das Buch neben der Bibel das meist verkaufte Buch der Welt.

Anne Frank GesamtausgabeIm Dezember 2013 ist eine Gesamtausgabe der Texte von Anne Frank (Hrsg. Anne Frank Fond Basel. S. Fischer 2013) erschienen, die sich dadurch von Vorgängern abhebt, dass sie sämtliche bekannten Texte enthält und vor allem die verschiedenen Fassungen des Tagebuchs, die in Umlauf sind. Deshalb habe ich beim Lesen so manches Mal da gesessen mit der gut 800 Seiten umfassenden Gesamtausgabe und meinen alten Büchern, um sie zu vergleichen. Wesentliche neue Erkenntnisse über Anne Frank habe ich dadurch nicht gewonnen, aber es ist doch interessant zu sehen, zu welch unterschiedlichen Formulierungen die verschiedenen Übersetzerinnen kamen, die natürlich jede aus ihrer Zeit und mit ihrem Kenntnisstand übersetzt hat. Für alle, die sich für solche Feinheiten interessieren, lohnt sich die Gesamtausgabe ganz besonders. Neu waren für mich die Texte aus dem „Schöne-Sätze-Buch“, die Anne Frank teilweise selbst geschrieben und teilweise in Deutsch abgeschrieben hat – eine wichtige Information für meine Romanrecherche. Die die Leser im Übrigen daran erinnert, was man schnell aus den Augen verliert, weil Anne Frank das Tagebuch auf Niederländisch geschrieben hat, das sie keine Niederländerin, sondern Deutsche war. Ihre ersten Jahre hat sie in Frankfurt verbracht, sie hatte eine Großmutter in Aachen und eine in der Schweiz, mit denen sie Deutsch gesprochen und denen sie auf Deutsch geschrieben hat. Da für uns heute Anne Frank so eng mit Amsterdam und dem Hinterhaus verbunden ist, gerät das oft in Vergessenheit.

Für alle, die sich für Anne Frank interessieren, lohnen sich Lektüre und Anschaffung der Gesamtausgabe also in jedem Fall – und für Bibliotheken natürlich, besonders für Schulbibliotheken. Schließlich eignet sich das Tagebuch der Anne Frank gut als Thema für den Schulunterricht, für Projekt- oder Facharbeiten – gerade auch die neueste Ausgabe, die so manchen pubertären Gedanken enthält, der auch heutigen Jugendlichen nicht fremd sein wird. Manche standen auch in der Ausgabe, die ich als 16-Jährige gelesen habe und sie sind in meinem Buch mit einem Rufzeichen gekennzeichnet. Andere sind neu hinzugekommen, weil Annes Vater Otto Frank sie in der ersten Fassung herausgelassen hat.

Genau das brachte ihm den Vorwurf ein, er hätte das Tagebuch gefälscht oder verfälscht. Betrachtet man sich jedoch die Geschichte des Buches, wundern einen die Änderungen nicht. Er hat die Seiten ursprünglich für seine Verwandten übersetzt und dabei nicht erwartet, dass es Weltruhm erlangen würde. Zumal die ersten Verlage das Manuskript abgelehnt haben, was auch kaum bekannt ist. Nicht jeder Verlag erkennt eben das Potenzial eines Manuskriptes, da gibt es auch aus der heutigen Zeit Beispiele, wie wir wissen. Und selbst der Verlag, der das Manuskript schließlich angenommen hat, hat es nicht sofort in einer hohen Auflage gedruckt, sondern erst einmal mit einigen hundert Büchern begonnen.

Ende der 90er Jahre tauchten übrigens noch fünf bis dahin unbekannte Manuskriptseiten auf, die nach sorgfältiger Prüfung in die Gesamtausgabe aufgenommen wurden. Und jetzt mache ich mich an mein Manuskript, in dem Anne Frank nicht die Hauptrolle spielt, aber doch Einfluss nimmt. © Birgit Ebbert