(12.06.2014) Seit ich an meinem Roman arbeite, in dem Anne Frank eine Nebenrolle spielt, ergeben sich immer wieder Gespräche über das Thema. Und wenn ich dann frage, welche Nationalität Anne Frank eigentlich hatte, bekomme ich meist als Antwort: Sie war doch Holländerin. War sie nicht. Auch keine Niederländerin, wie es richtig heißen müsste. Sie war Deutsche. In ihrem Tagebuch schreibt sie am 9. Oktober 1942 „Ein schönes Volk, die Deutschen, und da gehöre ich eigentlich auch noch dazu! Aber nein, Hitler hat uns längst staatenlos gemacht.“ (Quelle: Anne Frank Gesamtausgabe 2013)

Die Familie ihres Vaters Otto Frank war eine angesehene Frankfurter Familie, der Vater besaß eine Bank und die Frankfurter Wurzeln seiner Mutter ließen sich bis ins 16. Jahrhundert zurückführen. Die Mutter von Anne Frank kam aus einer wohlhabenden Familie in Aachen, der mehrere Metallfabriken gehörten. Die ersten drei Jahre ihres Lebens verbrachte Anne in Frankfurt, wo sie am 12. Juni 1929 zur Welt kam. Als sie geboren wurde, wohnte die Familie in einem Doppelhaus im Marbachweg 307, später zog sie in die Ganghoferstraße 24 (siehe Foto oben) in einem Stadtteil, der gemeinhin „Dichterviertel“ genannt wurde. Von dort aus emigrierten Edith und Otto Frank 1933 mit Anne und ihrer älteren Schwester Margot nach Amsterdam.

Wie viele Juden Anfang der 30er Jahre, konnte auch Otto Frank sich anfangs nicht vorstellen, dass die Nationalsozialisten wirklich Oberhand gewinnen würden und einen mit Orden ausgezeichneten Soldaten des ersten Weltkriegs, auch wenn er Jude war, diskriminieren würden. Er erkannte allerdings im Vergleich zu manch anderen Juden schnell, dass es besser war, seine Familie in Sicherheit zu bringen. 1933 gab es noch keinen Krieg, die Deutschen waren noch nicht in die Niederlande einmarschiert, da galten die Niederlande als sicheres Land für Emigranten.

Otto Frank ging zunächst allein nach Amsterdam, um dort eine Zweigstelle für die Kölner Opekta-Werke aufzubauen. Seine Frau und die beiden Kinder lebten derweilen bei den Großeltern in Aachen, bis ein neues Heim in Amsterdam gefunden und eingerichtet war. Anfang Dezember bezogen auch die Frank-Kinder das neue Zuhause am Merwedeplein 17, einer Wohnung in einem Neubaugebiet, dem Flussviertel, dessen Bild geprägt wurde von Backsteinhäusern mit mehreren Etagen, breiten Straßen und vielen kleinen Geschäften.

Während ihre Schwester schon in die Schule gehen konnte, dauerte es zwei Monate, bis Anne in den Kindergarten der Montessori-Schule in der Nierstraat gehen konnte. Dort begann bald ihre Freundschaft mit Hannah Goslar, genannt Hanneli, die zu den wenigen Menschen aus ihrer Kindheit gehört, die Anne wenige Wochen vor ihrem Tod im Lager wiedergetroffen haben.

c-birgit-ebbert-IMG_8452Nach dem Ende der Kindergartenzeit besuchte auch Anne die Montessori-Schule wie ihre Schwester. Die Erinnerungen an diese Zeit aus dem Tagebuch lassen vermuten, dass ihre Eltern es trotz der wachsenden Bedrohung schafften, ihr und ihrer Schwester ein „normales“ Kinderleben zu ermöglichten. Da ist von einem Club die Rede, den sie mit ihren Freundinnen gegründet hat, von gegenseitigen Besuchen und Geburtstagsfeiern, von Schulproblemen und Schwärmereien von Stars – all das, was heutige Kinder genauso tun. Selbst Reisen gab es gelegentlich. Als ich bei der Eröffnung des Familie Frank-Zentrums in Frankfurt war, erzählte Annes Cousin Buddy Elias, dass die Familie Frank bei ihnen zu Besuch war und sie zusammen gespielt hätten. Ein Beleg könnte das Quartett sein, dass Buddy Elias über die Familien Frank-Elias gebastelt hat.

Gedenkstein für Margot und Anne FrankNach dem Einmarsch der Deutschen in die Niederlande am 10. Mai und der Kapitulation der Niederlande am 15. Mai 1940 veränderte sich das Leben fast täglich. Die Versorgungssituation wurde schwerer, die Ressentiments gegenüber den Juden in der Bevölkerung wuchsen und die in Deutschland schon lange gültigen Rassengesetze wurden auch in den Niederlanden eingeführt. Der Alltag wurde zusehends schwerer, was die Eltern von ihren Kindern soweit möglich fernhielten. Doch spätestens am 6. Juli 1942 als die Familie im Hinterhaus der Firma Opekta an der Prinsengracht 263 untertauchte, endete die unbeschwerte Kindheit von Anne Frank. Wenige Tage nach ihrem 13. Geburtstag. Im August 1944 wurde die Familie verhaftet, eine Odyssee durch die Lager der Nazis begann, die nur Annes Vater überlebte. Anne Frank starb im März 1945, der genaue Todestag ist nicht bekannt wie auch keiner weiß, wo sie begraben ist. Seit einigen Jahren erinnert ein Grabstein auf dem Gelände des Konzentrationslagers Bergen-Belsen an Anne und ihre Schwester Margot, die in dem dortigen Frauenlager einen jämmerlichen Tod starben. © Birgit Ebbert

Das Familie-Frank-Quartett stammt aus dem Privatbesitz von Buddy Elias, der es dem Familie-Frank-Zentrum in Frankfurt als Exponat zur Verfügung gestellt hat, wo ich die Karten bei der Eröffnung des Zentrums im August 2013 fotografiert habe.