(01.08.2014) Als ich am letzten Freitag die Ausgrabungsstelle an der Blätterhöhle besucht habe, kam ich am Rande mit den jungen Ausgraberinnen ins Gespräch. Sandra Grunwald aus Hattingen erzählte mir, dass sie schon als Kind am Bahndamm nach Spuren früherer Menschen gesucht hat. Für sie war immer klar, dass sie Archäologin werden wollte – ein Kindheitstraum, der sich fast erfüllt hat. Noch arbeitet sie als Volontärin beim LWL, sie hat aber schon an einigen Grabungen teilgenommen. Nicht alle waren so komfortabel wie die vor der Blätterhöhle. Es gab zum Beispiel eine, bei der sie den ganzen Tag auf dem Bauch über einem Felsen hing und die Erde bearbeitete. Wer ihr und den anderen jungen Frauen zuschaut, der spürt sofort, dass man diesen Job samt Studium und Praktika nicht ohne Leidenschaft ausüben kann. Mit einem kleinen Spachtel tragen sie Erdmengen ab, die locker in eine Espressotasse passen. Aufmerksam schauen sie an, was auf der Spachtel liegt und alles, was nicht nach Erde aussieht, wird verzeichnet und in einem Tütchen aufbewahrt. Ohne ein inneres Feuer für Archäologie und Geschichte wäre es kaum möglich, das mehrere Stunden am Tag zu tun.

Das bestätigten auch Franziska Schmidt und Judith Flitterer, die zusammen mit vier weiteren Studentinnen aus Berlin angereist sind, um an der Ausgrabung teilzunehmen. Unentgeltlich, das sollte man betonen, vermutlich könnte nie ein Ausgrabungsprojekt realisiert werden, wenn es nicht Studenten und Studentinnen gäbe, die ihre Freizeit für einen weiteren Pluspunkt in der Vita opfern. Beziehungen sind in diesem Bereich nämlich alles, verraten mir die jungen Frauen. Sie beteiligen sich an möglichst vielen Projekten, um ein Netzwerk aufzubauen und gleichzeitig Erfahrungen zu sammeln.

„Irgendwann erkennt man, ob man Erde oder einen Knochenrest in der Hand hat“, hörte ich mit leichtem Grausen und war froh, dass mich mein Traumberuf an den Schreibtisch und nicht in eine Erdhöhle geführt hat. Aber alle erklärten mir übereinstimmend, dass es weder komisch noch unheimlich sei, wenn man Knochenreste fand. Ich sag’s ja: Leidenschaft!

Als ich erfuhr, dass die jungen Frauen fast alle unentgeltlich arbeiten, habe ich am Freitag spontan versprochen, noch einmal mit einem Eis vorbeizukommen. Das gab mir die Gelegenheit, einige von ihnen in Ruhe auszuhorchen. Wann hat man schon die Gelegenheit, so viele Lebensträumer auf einmal zu treffen.

In dem Gespräch mit Lisa Streitenberger und Tami Fey, die beide für drei Wochen aus Berlin angereist sind, wurde deutlich, dass die Motive für ein Studium der Archäologie vielfältig sind. Tami hat zunächst Skandinavistik studiert und ist eigentlich erst durch die Wikinger, die ihr dort begegnet sind, auf die Idee gekommen, prähistorische Archäologie zu studieren. Lisas Schwerpunkt ist die Antike. Beide träumen eher davon, in einem Museum zu arbeiten als an Ausgrabungen teilzunehmen wie Sandra Grunwald. Eines jedoch haben alle gemeinsam: die Neugier darauf, wie Menschen früher gelebt haben und eine bewundernswerte Ausdauer. Stunde um Stunde in einer unbequemen Haltung Erdhäufchen durchzusehen, das ist nicht jedermanns Sache.

Die jungen Frauen, mit denen ich am Freitag sprach, waren sich einig: „Archäologe kann man nur werden, wenn man das will, wenn man schon als Kind davon träumt zu erfahren, wie Menschen früher gelebt haben.“ Ich werde beobachten, ob sie alle durchhalten und was aus ihnen wird – Internet macht’s möglich! © Birgit Ebbert

Spuren der Menschheit in Hagen – in und vor der Blätterhöhle

Mehr über die Blätterhöhle auf der Seite des Historischen Centrums Hagen

Und ein zweiter Teil kommt noch, das Gespräch mit Dr. Jörg Orschiedt, der Projektleiter der Grabung an der Blätterhöhle, über die die Situation der Archäologie im Allgemeinen und die Blätterhöhle im Besonderen war so interessant, dass der Artikel zu lang geworden wäre. Fortsetzung folgt also …

Fotos: Ulrich Wens, www.moment-aufnahmen.info