(23.11.2013) Neben vielem anderen habe ich hier in Albstadt erfahren, dass es einen „Industrielehrpfad“ gibt. Tatsächlich ein Begriff, für den es bei Wikipedia noch keinen Eintrag gibt. Das macht es mir leicht, die Bildungslücke zuzugeben. Aber im Ruhrgebiet oder im Münsterland gibt es eben noch keinen Industrielehrpfad, woher sollte ich ihn also kennen.

In Tailfingen fielen mir zunächst die farbenfrohen Häuserfassaden auf, die wie Auszüge aus einem Sachbuch wirkten. Zum Glück war ich gerade mit Susanne Goebel unterwegs, der Leiterin der Albstädter Museen. Sie erklärte mir, dass es sich bei den drei Wandgemälden um Teile des Tailfinger Industrielehrpfades handelt. Die drei Bilder zeigen die Industriegeschichte der Region – von der Landwirtschaft über die Dampfmaschine bis hin zum Solarbetrieb. Eine pfiffige Idee, finde ich, die ich mir auch in anderen Städten gut vorstellen könnte.

Das erste Bild, das sich an der Erich-Kästner-Straße befindet, gibt einen Überblick über die Textilindustrie. Im Mittelpunkt des zweiten Gemäldes in der Kronenstraße stehen „Ackerbau und Viehzucht“, die landwirtschaftliche Produktion von der Tierhaltung bis zur Verarbeitung pflanzlicher Erzeugnisse.

Auf dem dritten Bild schließlich geht es um die Energiegewinnung. Es ist das größte der drei Bilder und zeigt von der Dampfmaschine über Windräder bis zur Solarenergie alle Formen der Energiegewinnung, die hier in der Region eine Rolle spielten.

Wenn ich die Informationen in den Medien richtig lese, wurde das Konzept von Susanne Goebel zusammen mit Schülern des Progymnasiums entwickelt. Da muss ich noch weiter nachforschen. Ohnehin habe ich keine Broschüre oder Internetseite über das Projekt gefunden. Wie gut, dass die lokalen Medien berichtet haben.

Die Vorlagen, nach denen die Bilder auf die Hauswände gemalt wurden, stammen von dem Pfeffinger Künstler Wolfgang Wiebe, an dessen Atelier ich zumindest einmal vorbeispaziert bin. Leider, leider habe ich es heute nicht geschafft, auch reinzuschauen, da habe ich vermutlich etwas verpasst, hat der gelernte Grafiker laut ZAK doch sogar schon bei Walt Disney mitgearbeitet.

Während das erste Bild noch mithilfe von Rastern vergrößert und auf die Wand übertragen wurde, wurde das zweite Bild bereits auf die Wand projiziert, um es zu vergrößern. Die Bilder auf den Wänden wurden von seinen Künstlerkollegen Bruno Schlagenhauf, Armin Baumgärtner und Dieter Eibl gemalt, die dabei unzählige Eimer Farben benötigt und viele, viele Mal-Kilometer geschafft haben.

Industrielehrpfade gibt es auch in anderen Orten, vor allem in der Schweiz, in Bayern, aber auch in Brandenburg. Sie sind eine wunderbare Möglichkeit, Industriegeschichte in den öffentlichen Raum zu bringen und die Ortsgeschichte zu vermitteln, ohne dass jemand ein Museum besuchen oder gar ein Buch lesen muss. Nicht, dass ich etwas gegen Bücherleser hätte, als Realistin denke ich jedoch, dass man gar nicht kreativ genug sein kann, wenn es darum geht, Geschichte und Kultur zu vermitteln. Zur Nachahmung empfohlen.

Weitere Informationen:

21. Februar 2013 Tailfingen wird bunter
22. Februar 2013 Drittes Fassadenbild ist im Entstehen
24. Mai 2012 Tailfinger Bilderbuch
4. Juli 2011 Schüler stellen Industrielehrpfad vor