(26.07.2014) Zusammen mit anderen Mitgliedern der Facebook-Gruppe Hagener für Kultur, Kunst und Geschichte(n) habe ich gestern einen Teil von Hagen besucht, der mir bis dahin völlig unbekannt war. Die Blätterhöhle in Hagen-Holthausen, den Vorplatz, um genau zu sein. In der Höhle waren nur zwei aus unserer Gruppe, ich hätte mich das niemals getraut. Aber mein Kopf war ohnehin voll mit spannenden Informationen über die Menschheitsgeschichte, die Projektleiter Dr. Jörg Orschiedt vorgetragen hat. Dort, wo wir standen, haben nämlich vor Jahrtausenden Menschen gelebt und dank modernster Analyseverfahren weiß man anhand der Knochen, die in der Höhle gefunden wurden, viel über ihren Alltag.

Ich war übrigens nicht die einzige, die nichts oder wenig über die Blätterhöhle wusste, was nicht verwunderlich ist, ist ihre Bedeutung doch auch Archäologen erst seit 2004 bekannt. Man ahnte seit 1930, dass dieser Bereich archäologisch bedeutsam sein könnte, damals fand ein Hagener Lehrer auf dem Weißenstein und in der Umgebung Steinartefakte. 50 Jahre später machte sich der Arbeitskreis Kluterthöhle daran, die Gegend zu erkunden, sie entdeckte ein Blätterloch, das weitere 20 Jahre unerforscht blieb. Als man 2004 begann, das Loch zu untersuchen, kamen Schädel und Knochen von Menschen und Tieren zum Vorschein. Allerdings erst, nachdem 40 m³ Sediment aus der Höhle geschafft wurde, das sorgfältig untersucht wurde und schon an sich einige interessante Funde bargen.

Der Zugang zur Höhle!

Heute weiß man, dass in der Höhle Gebeine von Menschen lagen aus der Zeit von 10.300 bis 5.600 v. Chr. und aus der Zeit von 4.000 bis 3.600 v. Chr. Das macht die Höhle und ihre Umgebung so interessant. Hier lebten zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Menschentypen. Während die erste Gruppe noch zu den Jägern und Sammlern der Mittelsteinzeit gehörte, lebte die zweite Gruppe bereits in der Jungsteinzeit, in der die Menschen größtenteils sesshaft waren und Ackerbau und Viehzucht betrieben. Größtenteils, denn das ist eine der Erkenntnisse, die die Funde in der Blätterhöhle zeigen: Auch in der Jungsteinzeit gab es noch Menschen, die nomadenhaft als Jäger und Sammler unterwegs waren, Neolithiker und Mesolithiker haben vielleicht nicht direkt nebeneinander, aber doch zur gleichen Zeit gelebt. Die Lebensform der Mittelsteinzeitler ist nicht mit dem Übergang in die Jungsteinzeit untergegangen. Sprich: Die Funde in Hagen haben dazu geführt, dass die Menschheitsgeschichte umgeschrieben werden muss, was ein internationales Interesse an der Erforschung der Höhle und des Vorplatzes hervorgerufen hat.

Es geht nur kopfüber in die Höhle!

Derzeit wird wieder auf dem Vorplatz gegraben. Hier wurden bereits früher vier Feuerstellen aus der Mittelsteinzeit gefunden. Man geht davon aus, dass noch in der Mittelsteinzeit das Felsdach über dem Platz heruntergebrochen ist und die Feuerstellen samt der damaligen Alltagsgegenstände unter sich begraben hat.

Der Vorplatz war vermutlich ein Platz, an dem die Mesolithiker gelebt haben, wenn sie auf ihrer Jagd- und Sammeltour einige Tage Rast gemacht haben. Der Platz eignete sich besonders gut, weil er in einem Tal in der Nähe eines Flusses lag sowie windgeschützt und – ehe die Bäume wuchsen, die heute den Ausgrabern Schatten spenden – sonnendurchflutet war. Dr. Jörg Orschiedt, der die Ausgrabungen und Forschungen leitet, schätzt, dass man noch mindestens sieben Meter graben kann und vermutlich sogar Asche von dem Ausbruch des Laacher Seevulkans ca. 12.000 v. Chr. Es bleibt also genug zu tun vor und in der Höhle. Denn auch in dem Felsen gibt es eine Höhle, die noch nicht erschlossen ist. Man weiß, dass sie vier Meter in den Felsen hineinreicht, aber was sich dort genau verbirgt, ist ungewiss. Aber die Arbeit ist mühsehlig. 5-cm²-weise wird die Fläche durchforstet und jedes kleine Detail wird gesichert.

Die Ausgrabungsfläche schläft

Besonders fasziniert hat mich, dass man heute bestimmen kann, was Menschen und Tiere damals gegessen haben und daraus Rückschlüsse auf ihre Beziehungen und Lebensweise ziehen kann, zum Beispiel, dass alle heutigen Rinder auf unseren Weiden Nachfahren eine Herde von 1.000 Rindern aus Anatolien sind, dass die Neolithiker ale aus dem Nahen Osten kamen und dass es rund 4.000 v. Chr. Menschen gab, die im Sauerland lebten und sich ausschließlich von Fisch ernährten – aber doch gelegentlich nach Hagen kamen. Es bleibt also spannend und mir wird der Stoff für Geschichten auf lange Zeit nicht ausgehen. Vielen Dank an Thorsten Eisermann und Dr. Ralf Blank für die Organisation und Dr. Jörg Orschiedt für die interessanten Informationen. Ich habe noch viel mehr erfahren, vielleicht gibt es eine Fortsetzung des Artikels. © Birgit Ebbert

Zum Weiterlesen:

Auf der Seite des Historischen Centrums Hagen

9000 Jahre alte Grillstelle vor der Blätterhöhle entdeckt (Der Westen 12.08.2013)

Sensationelle Erkenntnisse aus der Hagener Blätterhöhle (Der Westen 10.10.2013)

Zum Weitergucken:

Fotos von der Exkursion auf www.moment-aufnahmen.info