Jörn Klare stammt aus Hohenlimburg(04.04.2016) Manchmal ist es mir direkt unheimlich, wie Themen von verschiedenen Seiten gleichzeitig aufploppen. Das war auch mein erster Gedanke, als ich in Radio Hagen von dem Buch „Nach Hause gehen“ von Jörn Klare hörte. Darin beschreibt der gebürtige Hohenlimburger seine Wanderung von Berlin nach Hohenlimburg. Darauf war ich auch deshalb neugierig, weil ich im letzten Herbst zumindest darüber nachgedacht habe, zu Fuß von Hagen nach Borken zu gehen. Den Gedanken, die Umgebung zu Fuß zu erkunden, habe ich noch nicht aufgegeben, doch bis Borken werde ich wohl nicht wandern. Aber die Idee finde ich nach wie vor spannend und deshalb habe ich Jörn Klares Buch an den Ostertagen wirklich verschlungen. Gut 600 Kilometer war er von Berlin aus zu Fuß unterwegs – immer auf der Suche danach, was Heimat eigentlich bedeutet. Dazu hat er in den Orten, in denen er Station gemacht hat, mit Menschen gesprochen, die ihm begegneten oder die sich für ihre Heimat engagierten. Anlaufstellen waren oft Heimatmuseen, Heimathäuser oder Heimatvereine und die Ergebnisse der vielen Gespräche sind interessant und regen den Leser wie auch den Wanderer zu eigenen Überlegungen über Heimat an.

60er-Jahre-Jugend in Hohenlimburg

Unabhängig von den Eindrücken aus verschiedenen Regionen Deutschlands, gerade auch den ehemaligen Ost- und Westregionen, war ich als Wahlhagenerin neugierig die Rückblicke auf die Kindheit und Jugend in Hohenlimburg. Seltsam fand ich, dass er immer von der „Stadt“ Hohenlimburg sprach, wo die Eingemeindung doch schon fast 40 Jahre zurückliegt. Na gut, er ist noch in der selbstständigen Stadt aufgewachsen, hat aber doch die Eingemeindung zu Hagen miterlebt und ich hätte gedacht, dass er nach 30 Jahren in Berlin Abstand zu den Ressentiments gegen die Eingemeindung hätte. Für mich als „Zugereiste“ ist Hohenlimburg ein Stadtteil von Hagen – ich weiß, das hören die Hohenlimburger nicht gerne, aber so ist meine Wahrnehmung und zwar schon immer. Auch, als ich noch nicht hier lebte.

600 Kilometer durch Deutschland

Doch zurück zu dem Buch, das mit einem Zitat von Jean-Jacques Rousseau beginnt. Ich verkürze es mal: „nie war ich sozusagen mehr ich selbst als auf den Reisen, die ich allein und zu Fuß gemacht habe“. Ich lese aus dem Buch heraus, dass Jörn Klare die gleiche Erfahrung gemacht hat und dazu seine Wurzeln wiederentdeckt hat. Dafür hat er sich vier Wochen Zeit gegeben und hat einen Teil Deutschlands durchquert, sein Weg führte ihn von Berlin durch Orte wie Beelitz und Alte Hölle, Halberstadt und Bad Harzburg, Hofgeismar und Mülhausen-Twistetal, Winterberg, Wildewiese und Altena – immer wurde er freundlich aufgenommen und immer fand er bereitwillige Gesprächspartner, die sich gerne auch kurzfristig Zeit genommen haben – ok, fast immer, aber da will ich nichts vorwegnehmen. 🙂 Das Buch bleibt auf jeden Fall bis zur letzten Seite spannend, weil sich Wandererfahrungen mit Kindheitserinnerungen abwechseln und man wissen will, wie Jörn Klare denn nun in Hohenlimburg aufgenommen wird, ob er sich womöglich entschließt, Berlin den Rücken zu kehren, um in die Heimatstadt zurückzukehren.

Mir hat das Buch sicher auch deshalb gefallen, weil es mir Kindheit und Jugend in den 60ern und 70ern in einem Teil Hagens vermittelt hat. Amüsant war, dass ich mich in vielen Beschreibungen wiederfand und mir klar wurde, dass sich Jugend in Hagen, sorry, in Hohenlimburg, damals kaum unterschied von einer Jugend im Münsterland. Die Reflexionen über das Thema Heimat waren für mich nicht neu, was aber auch daran liegt, dass ich einerseits in einem sehr heimatverbundenen Elternhaus aufgewachsen bin und andererseits nach Abschluss meines Studiums nun zum dritten Mal eine neue Heimat suche, da kriegt man vielleicht Übung 🙂 Aber es ist ja auch immer wieder schön, wenn die eigenen Gedanken bestätigt werden. Mein Fazit also: ein lesenswertes Buch, das  Spaß daran weckt, sich einen kleinen Teil seiner Umgebung zu Fuß zu erobern. Ich werde auf jeden Falls zur Lesung im Rahmen der Schlossspiele erscheinen. © Birgit Ebbert

Jörn Klare im Mini-Interview

Jörn Klare hat mir freundlicherweise drei Fragen zum Buch beantwortet, die sich mir bei der Lektüre gestellt haben. Vielen Dank und ich freue mich auf eine Lesung in Hohenlimburg 🙂

Wie haben Sie die Tour organisiert? Hatten Sie eine feste Route im Kopf oder haben Sie sich völlig von den Wegen leiten lassen?
Erst einmal habe ich auf der Landkarte einfach eine Linie von Berlin nach Hohenlimburg gezogen, um zu schauen, wo lang mich mein Weg überhaupt führen wird. Dann habe ich geschaut, ob es in diesen Gegenden bestimmte Punkte gibt, die hinsichtlich des Themas „Heimat“ interessant sein könnten. Wie etwa Hagelberg, als Ort einer Schlacht der Befreiungskriege, Halberstadt mit seine Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber, der von den Romantikern idealisierte Brocken, Goslar als ehemalige Reichsbauernstadt, Winterberg, wo ich in meiner Kindheit und Jugend viel Zeit verbrachte. So hatte ich ein paar Zwischenziele, von denen aus ich dann jeweils meine meist 20 bis 30 Kilometer bis zur nächsten zufälligen Unterkunft gelaufen bin.

Mich als Wahlhagenerin, für die Hohenlimburg immer ein Stadtteil von Hagen war, hat ja irritiert, dass Sie auch 40 Jahre nach der Eingemeindung immer von der „Stadt“ Hohenlimburg gesprochen haben. Und Sie Hagen auch in den Rückblicken überhaupt nicht erwähnen. Wie kommt das?
Ich habe von meiner Geburt 1965 bis zu meinem Umzug nach Berlin 1986 Hohenlimburg tatsächlich immer als eine eigenständige Stadt wahrgenommen. Daran hatte und hat auch die Eingemeindung durch Hagen Mitte der siebziger Jahre eigentlich nichts geändert. Natürlich fuhr man mal nach Hagen, um einzukaufen oder ein Spiel der Basketballbundesliga zu gucken, aber für meine sozialen Bezüge spielte das keine Rolle. Ich glaube auch, dass die Hohenlimburger Mentalität heute noch ein wenig spezieller als die Hagener ist. Diese für mich besondere Mischung aus sauerländischer Dickköpfigkeit, um es vorsichtig auszudrücken, und proletarischer Prägung durch die ehemals florierende Stahlindustrie, erlebe ich persönlich an der Lenne nach wie vor ausgeprägter als an der Volme.

Was war ihr interessantestes Erlebnis, das es nicht ins Buch geschafft hat?
Da muss ich passen. Alles, was mir auf meiner Wanderung interessant erschien, steht auch im Buch.

Weitere Information über die Lesung am 22. August 2016 im Schloss Hohenlimburg