(12.02.2020) Für meine Zeit als Stadtschreiberin in Gotha hatte ich mir einige Ziele gesetzt. Dazu gehörte, endlich meinen Roman über Herti Kirchner zu schreiben. Und ich habe es erreicht, jetzt gerade sitze ich an der Überarbeitung, damit das Manuskript hoffentlich bald einen Verlag findet. Das muss es einfach, ich habe das Konzept für die Buchpremiere mit Piano, Gesang und Filmausschnitten schon im Kopf 🙂 Ich sage euch, ab wann ich gedrückte Daumen gebrauchen kann.

Warum ich keinen biografischen Roman schreiben kann

Noch immer empfinde ich die Briefe von Herti Kirchner als großes Geschenk und trotzdem habe ich lange damit gekämpft, wie ich sie literarisch verarbeite. Ein bisschen stand mir dabei mein erster Roman „Brandbücher“ im Weg. Die Briefe bieten sich an als Verbindung von heutiger und historischer Zeit, aber das war mir zu dicht am Konzept von Brandbücher, auch wenn ich dafür Postkarten erfunden habe.

Und dann tauchte urplötzlich ein neues Problem auf. Ich fand es anmaßend, eine Biografie oder einen biografischen Roman zu schreiben. Ich weiß viel über Hertis Alltag und ihre Geschichte, aber nicht im Detail. Seit ich diese Blockade bekam, kann ich nicht mehr unbefangen biografische Romane oder Filmen rezipieren. Immer frage ich mich: „Woher wissen die das?“ Aber auch dafür habe ich eine Lösung gefunden.

Vom Schreiben über die 1930er Jahre

Diese brachte die nächste Hürde mit sich. Ich wollte einen Roman schreiben, der die Leserinnen und Leser unterhält. In einem Buch, das in den 1930er-Jahren spielt, darf ich allerdings auch die schlechten Seiten nicht auslassen. Beim Schreiben musste ich daher täglich den Spagat schaffen zwischen dem politischen Leben und dem Alltag, der in vielen Familien auch in den Anfangsjahren des Nationalsozialismus weiterlief wie zuvor. Ich bin gespannt, wie das bei den LeserInnen ankommt, auch sie müssen ja beim Lesen im Kopf haben, dass meine Protagonisten in ihrer Zeit leben und nicht wissen können, wie die Entwicklung weitergehen wird.

Aber genau die Folgen der NS-Politik sind es, die mich ständig aus dem Schreibfluss reißen. Immer wieder begegnen mir Namen, die Herti ehrfurchtsvoll oder mit dem Hinweis auf lobende Kritiken erwähnt oder von denen ich Autogramme in ihrem Nachlass fand wie das von Victor Colani rechts. Manche Namen  finde ich nicht im Internet, noch immer suche ich einen Komponisten, dessen Namen ich nicht entziffern kann, aber er muss 1933 bekannt gewesen sein,  denn Herti schreibt, dass ihr Bruder Platten von ihm hat und dass sie mit dem Komponisten unterwegs war und in einem Lokal seine neuesten Schlager gespielt wurden. Ich habe alle Namenvarianten gesucht, im Web, bei der Gema und in meinen Büchern. Nichts, das stimmt mich traurig, weil es zeigt, welche Wirkung auf das kulturelle Leben das NS-System hatte. Auch dagegen möchte ich schreiben und dafür, aufzupassen, dass so etwas nicht wieder geschieht. Damals wie heute leben die Menschen – und da schließe ich mich ein – ihr kleines fröhliches Leben, während andere Menschen ausgegrenzt, verfolgt, benachteiligt, verletzt oder vertrieben werden. © Birgit Ebbert