(27.01.2014) Seit 1996 ist der 27. Januar Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, es ist der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945. In den letzten Monaten habe ich mich intensiv mit diesem und anderen Vernichtungslagern beschäftigt, haben doch Anne Frank, ihre Schwester und ihre Eltern einige Monate hier gelebt. Ihre Mutter starb im Januar 1945 dort, wenige Tage, ehe die russischen Soldaten das Lager eroberten. Bei meiner Recherche bin ich auf eine Liste von Häftlingen gestoßen bei Wikipedia gestoßen. Angesichts von rund 400.000 Häftlingen kann sie nicht vollständig sein, aber sie gibt den Opfern stellvertretend ein Gesicht. Zum Gedenken an die vielen Opfer, habe ich mir besonders angeschaut, welche Schriftsteller von den Nazis in Auschwitz ermordet wurden.

Georg Hermann (1881-1943) Georg Hermann Borchardt war ein erfolgreicher Schriftsteller, bis die Nationalsozialisten ihn wegen seiner jüdischen Herkunft drangsalierten, seine Bücher verboten und verbrannten. Nach dem Reichstagsbrand 1933 floh er in die Niederlande, wo ihn die Nazis 1943 wieder einholten und am 17. November 1943 vom Durchgangslager Westerbork nach Auschwitz verlegten.

Gertrud Kolmar (1894-1943) Gertrud Käthe Chodziesner stammte aus einer angesehenen jüdischen Anwaltsfamilie, sie war ausgebildete Erzieherin und Sprachlehrerin und arbeitete auch als Erzieherin. Ihr erster Gedichtband erschien 1917, der zweite 1934 unter dem Titel „Preußische Wappen“ und der dritte 1938 in einem jüdischen Verlag. Bereits nach Erscheinen des zweiten Buches musste der Verlag Repressalien hinnehmen, weshalb der dritte Band in einem jüdischen Verlag erschien. Nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurde ihr Buch verboten. Im März 1943 wurde Gertrud Kolmar verhaftet und nach Auschwitz transportiert, wo sie vermutlich direkt nach der Ankunft umgebracht wurde.

Fritz Löhner-Beda (1883-1942) Felix Löhner-Beda war nicht nur Schriftsteller, sondern vor allem Texter von Operettensongs, u. a. für Franz Lehárs Operette „Land des Lächelns“, und Schlagern. Viele seiner Lieder sind noch heute bekannt, ohne das jemand weiß, dass Löhner-Beda am 4. Dezember 1942 von den Nazis ermordet wurde. Sofort nach dem Einmarsch der Nazis in Österreich wurde er verhaftet und zunächst nach Dachau, später ins KZ Buchenwald und schließlich nach Auschwitz deportiert, wo er von einem Kapo erschlagen wurde. Zu seinen bekanntesten Liedern gehören „Dein ist mein ganzes Herz“ und „Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren“.

Arno Nadel (1878-1943) Arno Nadel engagierte sich Zeit seines Lebens für jüdische Musik, nebenher schrieb er Gedichte und Theaterstücke. Nachdem er 1938 mehrere Monate im KZ Sachsenhausen war, ließen die Nazis ihn zunächst in Ruhe. 1941 teilten sie ihn zur Zwangsarbeit ein, ehe er am 12. März 1943 nach Auschwitz deportiert wurde. Ab diesem Tag verliert sich seine Spur, sodass davon ausgegangen werden muss, dass er kurz nach der Ankunft ermordet wurde.

Irene Némirovsky (1903-1942) Irene Némirovsky war eine französische Schriftstellerin, in der Ukraine als Tochter eines jüdischen Bankiers geboren. Sie war als junges Mädchen mit ihrer Familie während der russischen Revolution nach Frankreich geflohen und galt als staatenlos, obwohl sie in Frankreich als Schriftstellerin Erfolge feierte. Am 13. Juli 1943 wurde Irene Némirovsky verhaftet und wenige Tage später über ein französisches Durchgangslager nach Auschwitz deportiert, wo sie am 17. August 1942 starb.

Karel Polácek (1892-1945) Karel Polácek war Gerichtsreporter und Essayist bei einer Zeitung, ehe er wegen seiner jüdischen Herkunft entlassen wurde. 1943 wurde er zunächst nach Theresienstadt deportiert, von wo aus er in ein Außenlager von Auschwitz gebracht wurde. Er starb sechs Tage, bevor die russische Armee Auschwitz befreite.

Grete Reiner (1892-1944) Grete Reiner-Straschnow, als Grete Stein geboren, war vor allem Übersetzerin und für die deutsche Übersetzung des „Braven Soldaten Schwejk“ verantwortlich. Als Jüdin wurde sie im Dezember 1942 zunächst nach Theresienstadt und im September 1943 nach Auschwitz deportiert. Das Lager hat sie nicht überlebt, ob sie vergast oder zu Tode geprügelt wurde, konnte nicht mit letzter Sicherheit geklärt werden. Als Todesdatum wird der 9. März 1944 angenommen.

Ruth Rewald (1906-1942) Ruth Rewald schrieb Kurzgeschichten und Kinderbücher, ehe die Nationalsozialisten ihr Leben zerstörten. Als Jüdin floh sie 1933 nach Paris und nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich 1940 in ein kleines Dorf in der Nähe. Dort wurde sie am 17. Juli 1942 verhaftet und nach Auschwitz transportiert. Außer einer Postkarte an ihren Ehemann vom 18. Juli 1942 gibt es danach keine Spur mehr von ihr.

Willy Rosen (1884-1944) Willy Julius Rosen war einer der bekanntesten Unterhaltungskünstler der 20er Jahre. Seine jüdische Herkunft tat dem Erfolg bis 1933 keinen Abbruch. Kaum waren die Nazis an der Macht, verhängten sie ein Auftrittsverbot. 1937 wanderte Rosen in die Niederlande aus und baute sich dort eine neue Existenz auf, die durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten in den Niederlanden zerstört wurde. Rosen wurde zunächst ins Durchgangslager Westerbork überstellt und von dort aus nach Auschwitz deportiert, wo er am 28. Oktober 1944 starb.

Josef Rosenzweig-Moir (1887-1943) Josef Rosenzweig-Moir war ein jüdischer Schriftsteller aus der Tschechoslowakei, der durch seine anarchistischen Gedanken die Nationalsozialisten zusätzlich gegen sich aufbrachte. Als diese 1942 sein Land eroberten, wurde er zunächst nach Theresienstadt gebracht und dann nach Auschwitz. Das letzte, was man über seinen Lebensweg weiß, ist die Deportation nach Auschwitz am 12. Oktober 1944.

Arthur Silbergleit (1881-1943) Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten war Arthur Silbergleit ein hoch geehrter Lyriker und Schriftsteller. Er stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie in Schlesien und lebte ab 1907 in Berlin. Dort wurde er am 3. März 1943 verhaftet und zehn Tage später wurde er nach Auschwitz deportiert. Wann genau er ums Leben kam, ist nicht bekannt.

Else Ury (1877-1943) Die heute noch am meisten bekannte Schriftstellerin, die die Nazis ermordeten, ist sicher Else Ury. Kaum jemand, der ihre Reihe „Nesthäkchen“ nicht in der Kindheit gelesen hat. Bis die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war sie eine erfolgreiche Schriftstellerin und patriotische Bürgerin. Sie war den Gedanken der Nazis nicht abgeneigt, wie viele patriotische Juden. 1935 erhielt sie zwar ein Berufsverbot, konnte sich aber durch die Beliebtheit ihrer Buchreihe noch einige Zeit durchschlagen. Am 6. Januar 1943 musste sie sich jedoch an der Sammelstelle für Deportationen einfinden, am 12. Januar wurde sie mit vielen anderen Juden nach Auschwitz transportiert. Dass sie dort nicht registriert wurde, lässt vermuten, dass sie direkt nach der Ankunft in der Gaskammer den Tod fand.

Die hier genannten Schriftsteller sind nur Beispiele für all die Menschen, die während der Zeit der Nationalsozialisten in Auschwitz und anderen Lagern ermordet wurden. Andere haben sich aus Angst umgebracht, um nicht den Nazis in die Hände zu fallen. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sie soll lediglich an das Leid erinnern, das die Nationalsozialisten den Menschen und den europäischen Völkern gebracht haben. © Birgit Ebbert

Alle Fotos von der Gedenkstätte des Außenlagers Schwerte vom KZ Buchenwald.