Beruf Autor ist Handwerk und Kreativität(29.07.2016) Es gibt Blogbeiträge, die warten in meinem Entwurfsordner auf den richtigen Tag. Heute ist so einer. Da finde ich in meiner Post einen Brief, mit dem ich zu einer Lesung eingeladen werde – ein Honorar könne man nicht zahlen, doch dafür kämen liebe Zuhörer. Oder so ähnlich, ich habe den Brief erst mal im Büro liegen lassen, aber den Ärger mit nach Hause genommen und mich an diesen Blogbeitrag erinnert, dessen Veröffentlichung im letzten Jahr untergegangen ist. Damals stand in meinem Kalender ein Termin für eine Lesung, die nie stattgefunden hat. Nicht, weil ich nicht wollte oder weil keine Besucher kamen. Nein, das war ganz anders. Ich hatte den Fehler begangen und den Veranstalter erst nach der mühseligen Terminsuche nach dem Honorar gefragt. Man lernt eben immer dazu. Danach habe ich nichts mehr gehört. Dabei habe ich nur erwähnt, dass wir noch über das Honorar sprechen müssten, schließlicht bin ich von Beruf Autor. Ab dem Augenblick herrschte Funkstille. Die Anfrage jetzt war ähnlich mit dem Unterschied, dass in konkreter Termin vorgegeben wurde und es wurde mir eine gute Presse angekündigt. Frei nach dem Motto: „Das ist doch eine tolle Werbung für Sie und Sie dürfen auch gerne Ihre Bücher verkaufen!“ Leider wäre mein Vermieter nicht sehr begeistert, wenn ich ihm sagen würde: „Miete? Dass ich die Adresse auf meiner Internetseite angebe, ist doch tolle Werbung für Sie!“

Das nicht genug. Vor einigen Wochen hatte ich ein Gespräch, bei dem mein Gegenüber den Wikipedia-Eintrag über mich herauszog und mit hoch gezogenen Augenbrauen bemerkte: „Sie schreiben ja sehr unterschiedliche Texte!“

Mal ehrlich! Fragt jemand einen Schreiner, ob er ohne Honorar einen Schrank einbaut oder merkt kritisch an, dass er sehr verschiedene Dinge baut? Sagt jemand einem Eisverkäufer: „Sie machen aber sehr verschiedenes Eis!“

Oh, und dann war eine Gesprächspartnerin kürzlich überrascht, dass Schreiben mein Beruf ist. „Ich dachte, das wäre dein Hobby“, meinte sie.

Beruf Autor – Schreiben für das tägliche Brot

Beruf Autor - SchreibmaschineManchmal habe ich keine Lust mehr, immer wieder zu erklären, dass Schreiben für mich keine Freizeitbeschäftigung ist und ich nicht meine Lebenserfahrungen aufschreibe, sondern Storys konzipiere wie ein Schreiner seine Schränke und ein Eisverkäufer seine Eissorten.  Oder mir anzuhören, ich sei eine „fleißige Schreiberin“ oder noch schlimmer: „Vielschreiberin“, nur weil in neun Jahren Selbstständigkeit als Autorin 30 Bücher zusammengekommen sind, der größte Teil davon mit weniger als 100 Seiten.

Der Unterschied zwischen dem Schreiner und dem Eisverkäufer ist, dass meine Zutaten nicht angefasst werden können. Manche habe ich im Kopf, weil ich immer und überall Informationen aufnehme, abspeichere und sortiere und sehr bewusst wahrnehme, selbst das, was am Nebentisch gesprochen wird und wie sich Menschen verhalten. Das läuft oft automatisch. Wenn ich dann eine Geschichtenidee habe, schreibe ich auf, was mir dazu einfällt, ich spreche mit Leuten, ich surfe im Internet, ich recherchiere vor Ort. All das kostet Zeit, die Zeit, die ein Schreiner vielleicht nutzt, um das passende Holz auszusuchen und der Eisverkäufer, um die Geschmacksnuancen zu testen.

Bis dahin habe ich noch kein Wort aufs Papier gebracht, das sind Tätigkeiten, für die ich als Angestellte bezahlt wurde. Heute muss ich sehen, wie ich diese Zeiten finanziere. Zum Beispiel durch Lesungen! Da sind wir beim ersten Punkt meines Empörungsbeitrags.

Auch Schreiben muss man lernen

Nun zum zweiten. Ich wollte immer beruflich schreiben und nicht als Hobby. Deshalb habe ich schon als Minderjährige hinter dem Rücken meiner Eltern einen der Fernlehrgänge „Schreiben“ belegt, was aufgeflogen ist, weil die Kosten mein Taschengeld weit überstiegen und ich als Minderjährige den mehrere Jahre dauernden Kurs gar nicht hätte abschließen dürfen. In der Schule hatte ich leider keine Deutschlehrer, die Schüler mit Schreibleidenschaft gefordert haben, aber während des Studiums und während meines ersten Jobs hatte ich Mentoren, die mit mir an meinen Texten gearbeitet haben. Und noch heute bilde ich mich weiter, indem ich Seminare besuche, Bücher lese und analysiere, mich mit Kollegen austausche und mich mit Anmerkungen der Lektoren auseinandersetze. Ich weiß auch genau, zu welchem Thema ich mich fortbilden möchte, aber das Seminar dazu habe ich noch nicht gefunden.

Kurz und gut: Ich wollte nie nur Kinderbücher oder nur Ratgeber oder nur Krimis oder nur Lernhilfen schreiben. Ich wollte schreiben. Punkt! Und ich brauche Abwechslung und Herausforderungen. Deshalb liebe ich solche Anfragen wie die, einen Krimi rund um das Tagebuch der Anne Frank zu schreiben. Aber solche Projekte sind langwierig und zwischendurch brauche ich manchmal eine Aufgabe mit mehr Lebensfreude. Die finde ich in Kindergeschichten und Rätselkrimis, Lernhilfen und Vorlesegeschichten.

Ich vermute, dass es einem Schreiner ähnlich geht, dass er vielleicht einen großen wunderbaren Schrank hat, an dem er lange arbeitet, und zwischendrin, ein Regal oder ein Tischchen. Das haben wir Selbstständige sicher auf jeden Fall gemeinsam: Selbstständig heißt selbst und ständig und erstens kommt immer alles anders als man zweitens denkt.

Trotzdem macht mir mein „Beruf Autor“ Spaß, aber es wäre doch schön, wenn auch Nicht-Autoren ihn als „Beruf“, mit dem man seinen Lebensunterhalt bestreiten muss, sehen würden und nicht nach kostenfreien Exemplaren (erst kürzlich wieder geschehen) oder honorarfreien Lesungen fragten – wobei ich nichts dagegen habe, wenn mir jemand im Austausch gegen eine Lesung oder ein Buch seine Dienstleistung anbietet. Vielleicht brauche ich gerade einen Schreiner oder Elektriker (jetzt im Moment zum Beispiel 🙂 ) und dann hätte ich immerhin das Gefühl, meine Arbeit würde ebenso wertgeschätzt wie die Berufstätigkeit anderer Menschen. © Birgit Ebbert