(12.04.2015) Vor sechs Wochen erhielt ich die E-Mail einer Achtklässlerin mit der Anfrage, ob sie bei mir einen Tag im Rahmen der Berufsfelderkundung verbringen kann, um zu erfahren, „wie eine richtige Autorin“ arbeitet. Damals hatte ich gerade das Gefühl, meinen Schreibtisch und alle Projekte gut im Griff zu haben, also habe ich die Schülerin eingeladen zu einem Vorgespräch. Morgen kommt sie nun, um das Berufsfeld „Autorin“ zu erkunden und ich weiß vor lauter Arbeit gerade nicht, was ich zuerst tun soll und frage mich, wie ich ihr in wenig Zeit einen Eindruck von dem vermitteln kann, was ich den ganzen Tag mache. Autorin sein ist so viel mehr als Schreiben!

Zum Einstieg habe ich mich erinnert, was ich in den letzten Wochen alles so getan habe – außer Schreiben. War euch das so klar? Hier mal meine Liste dessen, was wir Autoren tun:

  • Ideen entwickeln, sammeln & verwerten
  • Recherchieren (Im Internet surfen, Gespräche führen, , in Archiven & Bibliotheken stöbern, Bücher lesen, Filme anschauen, O-Töne anhören, Bilder ansehen …)
  • Konzepte entwickeln für Bücher, Lesungen, Workshops, Projekte …
  • Figurenbiografien ersinnen
  • Handlungsorte erfinden oder suchen und besuchen
  • Leseproben verfassen
  • Exposés schreiben
  • Mit Verlagen korrespondieren & telefonieren
  • Verträge prüfen und unterschreiben oder diskutieren
  • Texte korrigieren & überarbeiten, möglichst ohne sich zu ärgern
  • Fakten überprüfen, möglichst ohne alles umschreiben zu müssen
  • Wettbewerbsbeiträge oder Förderanträge einreichen
  • Alte Texte im PC suchen und (manchmal auch nicht) finden
  • Interviews geben, Bloggen, bei Facebook posten, Internetseiten pflegen etc., um Werbung für sich und seine Bücher zu machen
  • Sich nett zu allen Menschen verhalten, weil es Leser sein könnten
  • Zu Konzeptgesprächen durch die halbe Welt fahren
  • Auftraggeber (Verlage, Agenturen, Veranstalter von Lesungen oder Workshops …) akquirieren
  • Lesungen & Workshops vorbereiten & durchführen
  • Leserpost beantworten & Bücher signieren
  • Informationen archivieren
  • Mails lesen, sortieren, schreiben
  • Verwaltungsarbeiten erledigen (Umsatzsteuer, Rechnungen schreiben, Zahlungseingänge überprüfen, Verträge & Belege abheften …)
  • Technische Ausstattung instand halten (Toner bestellen, Drucker kaufen, Laptop reparieren (lassen) …)
  • Die Augen aufhalten für Inspirationen
  • Hektisch einen Zettel suchen, weil sich eine Idee ankündigt
  • Notizen sortieren
  • ach ja, und: Schreiben auch noch!

Habe ich etwas vergessen? Dann her damit, die junge Dame soll schließlich einen umfassenden Einblick in das Berufsfeld „Autorin“ bekommen. Aber auch so kann man zusammenfassend sagen: Ein Autor ist ein Ein-Personen-Unternehmen, er muss alles tun, was in einem Unternehmen anfällt – von der Produktentwicklung bis zum Marketing, er bekommt dafür nur in seltenen Fällen den Mindestlohn und muss sich im Gegenteil dafür rechtfertigen, warum er nicht mal eben ein Buch verschenkt oder eine Lesung ohne Honorar durchführt. Aber das wird demnächst Thema eines anderen Blogbeitrags sein.

Und welche Fähigkeiten und Eigenschaften sollte ein Autor besitzen?

  • Kreativität
  • Organisationstalent
  • Hohe Frustrationstoleranz
  • Selbstbewusstsein
  • Sehr, sehr viel Geduld
  • Offenheit
  • Neugier
  • Ach ja, und Schreiben sollte er auch können!

Das kann nicht alles sein. Was meint ihr?

Na, vielleicht findet meine Tageshospitantin noch das eine oder andere heraus. Ich erinnere mich gerade, dass ich versprochen habe, mich umzuhören, ob die eine oder der andere Kollege Zeit für ein telefonisches Mini-Interview hat. Falls ihr also nicht alle im Biergarten sitzt und jemand Lust hat, einer 14-Jährigen morgen Vormittag ein paar Fragen zu beantworten, freue ich mich über jedes „Hier!“ Ansonsten werden wir berichten – so ist zumindest der Plan, aber zumindest in meinem Autorenalltag lautet die oberste Prämisse: Erstens kommt es anders und zweitens, als ich plane! © Birgit Ebbert