(25.02.2013) Gleich zweimal habe ich mich in der letzten Woche mit den Büchern meiner Kindheit beschäftigt. Dabei ist mir klar geworden, dass Autoren und Bücher Lebenswege mitbestimmen können.

Geschichten gehören zu meinem Leben, seit ich denken kann. Anfangs waren es die Geschichten aus seiner Kindheit, die mein Vater erzählt, und die Märchen und Pixibücher, die meine Mutter vorgelesen hat. Kaum konnte ich lesen, bekam ich von meiner Patentante nach und nach die Pucki-Bücher geschenkt. Ich weiß, das Frauenbild ist aus heutiger Sicht, schrecklich – sagt frau. Um das zu prüfen, müsste ich sie noch einmal lesen, denn mir ist komischer Weise nur das selbstbewusste Förster-Mädchen in Erinnerung und das war für mich durchaus ein Vorbild. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass man in einem Buch das liest, was man sucht oder braucht.

Unter der Nummer 918 bekam ich in der zweiten oder dritten Klasse einen Ausweis für die katholische Bücherei in Borken, damals noch im heutigen Kapitelshaus – für alle Borkener! Von dem Moment an habe ich alle Bücher gelesen, die mir interessant erschienen. Ich sehe mich noch vor dem Regal. Mein visuelles Gedächtnis kam mir schon damals zugute, weil ich genau merkte, wo sich seit meinem letzten Besuch etwas geändert hatte. Dort musste ich anfangen nach neuem Stoff zu suchen. Gäbe es die Bücherei noch, könnte ich heute noch sagen, an welcher Stelle Momo stand. Nicht, weil ich es so oft ausgeliehen habe, sondern weil ich es gar nicht ausgeliehen habe. Warum nicht? Es gab immer nur den letzten Band. Momo besteht nur aus einem Band, meint ihr? Heute weiß ich das, aber als 9- oder 10-Jährige habe ich im Vorbeihuschen nur gesehen: „Ende – Momo“. Ich bin davon ausgegangen, dass der erste Teil ausgeliehen war und habe weitergeschaut.

„Momo“ war also nicht das Buch, das mein Leben bestimmt hat. Es waren vielmehr zwei Bücher, zum einen „Harriets Spionagetagebuch“, das heute: „Harriet – Spionage aller Art“ heißt, von Louise Fitzhugh. Harriet wollte Spionin oder Schriftstellerin werden und hat alles aufgeschrieben, was in ihrer Umgebung passierte. Diese Anregung habe ich gleich aufgenommen, irgendwo müssten noch ein paar rudimentäre Reste meiner Spionageerlebnisse sein. Warum es nur noch Reste gibt, ist eine andere Geschichte, die vielleicht irgendwann einmal erzählt wird.

Das andere Buch, das mein Leben bestimmt hat, war ein Schneiderbuch. Ja, ich gebe zu, ich habe Schneiderbücher gelesen und nicht nur das, ich habe sogar Bücher von Berte Bratt gelesen. Besonders häufig das Buch „Nur ein Jahr, Jessica“, in dem es um die Studentin Jesscia geht, die ein Jahr mit dem Studium aussetzen muss, weil ihre Eltern dieses nicht mehr finanzieren können. Mit viel Engagement, Kreativität und Durchhaltevermögen sucht sie sich die unglaublichsten Jobs. Natürlich ist sie verlobt, es gibt ein Happyend und vermutlich ist auch da das Frauenbild nicht sehr emanzipatorisch. Aber für mich war das Buch eine Bestätigung, dass Mädchen studieren können, in meiner Familie gab es kein Mädchen, das studierte oder studiert hatte, und dass man es immer irgendwie schaffen kann, wenn man bereit ist, ungewöhnliche Wege zu gehen. Wie schon gesagt, jeder liest das heraus, was er braucht. Ich sehe gerade, das Buch ist von 1973, also habe ich es mit 12 oder 13 gelesen.

Es waren übrigens nicht nur die Inhalte der Bücher, die mich geprägt haben, sondern noch etwas anderes, das meinem Selbstwertgefühl gut getan hat. Meine Mutter hat so lange gesucht, bis sie ein Buch fand, in dem die Protagonistin meinen Namen trug und so habe ich noch heute ein Buch, das „Birgit“ (Kirsten Thesen) heißt, und eines, das den Titel „Birgits schönster Sommer“ (Lieselotte Koops) trägt. Für alle Eltern unter euch, falls ihr es noch nicht getan habt, sucht doch mal nach Büchern, in denen die Hauptfiguren die Namen eurer Kinder tragen. Ich bin sicher, dass sie sich genauso freuen wie ich damals. Und meine Schwester erst, denn meine Mutter hat wirklich lange gesucht, bis sie „Martinas Wunderesel“ fand – mit Internet wäre das kein Problem gewesen, habe jetzt gleich mehrere gefunden.

Und welche Bücher haben euer Leben bestimmt?