(12.08.2014) Wenn ich es heute recht bedenke, kannte ich einen Teil von Hagen bereits, ehe ich im Herbst 2007 hierher zog – allerdings war mir das nicht klar. Als ich nämlich Ende der 80er Jahre den Roman „… aber Steine reden nicht“ von Carlo Ross rezensierte, lebte ich in Bonn oder Stuttgart und habe mich vor allem von der Geschichte des jüdischen Jungen David Rosen fesseln lassen.

Aber Carlo Ross fand ich immer unabhängig von seiner Hagener Herkunft als Autor interessant. Seinen Roman „Michael im Teufelskreis“ (von Sekten und Drogen) habe ich jahrelang Lehrerinnen und Lehrern als Lektüre für sich selbst und ihre Schüler empfohlen. Gerade wegen der inhaltlichen Nähe wurde ich neugierig, als ich erfuhr, dass Carlo Ross als Karl-Otto Müller am 7. Februar 1928 in Hagen geboren wurde.

Bis zum Tod seines Vaters lebte Carlo mit seinen Eltern und seiner Schwester Rose-Margot in Haspe am Karweg, danach zog seine Mutter mit ihm nach Altenhagen, wo auch sein Roman „… aber Steine reden nicht“ spielt. Diese örtliche Nähe, er erwähnt die Straße „Zur Stiege“ explizit, lässt vermuten, dass auch das eine oder andere Erlebnis auf eigenen Erfahrungen beruht. (Darüber, wo die Schwester bei dem Umzug abgeblieben ist und was aus ihr wurde, habe ich bisher keine Hinweise finden können!)

Die veröffentlichten Informationen über Carlo Ross sind eher dürftig, am ausführlichsten ist im Internet noch der Artikel des Landesarchivs NRW. Die Autoreninformationen auf den Büchern sind spärlich und teilweise schlichtweg falsch. Inzwischen ist bekannt, dass Carlo Ross nicht in Theresienstadt war, wie an manchen Stellen behauptet wird, sondern diesen Teil seiner Biografie auf Betreiben des Verlegers erfunden hat, um das Interesse an seinem Erstlingsroman zu schüren. So liest man noch heute an manchen Stellen – u. a. bei Wikipedia – dass der Roman „Im Vorhof der Hölle“ über das KZ Theresienstadt eine Autobiografie sei. Carlo Ross ist damit 10 Jahre nach seinem Tod ein Beispiel dafür, wie die Verlagsbranche funktioniert (hat) und wie hartnäckig sich falsche Informationen halten – auch vor Erfindung  des Internets.

Carlo Ross hatte das Grundschulalter bereits hinter sich, als die nationalsozialistische Verfolgung der Juden begann und in der Reichspogromnacht auch in Hagen jüdische Einrichtungen zerstört wurden. Er hat bewusst miterlebt, wie die Nationalsozialisten in Hagen mit den jüdischen Mitbürgern verfuhren. Dieses Thema hat ihn als Buchautor immer wieder beschäftigt, auch wenn er mitunter die Verfolgung in andere Zeiten und an andere Orte verlegt hat. Ebenso griff er die Frage auf, wie Menschen in den Teufelskreis einer totalitären Gruppe geraten können. Dass er dabei in erster Linie jugendliche Protagonisten einsetzte, hat möglicherweise mit seinen Erinnerungen, sicher aber mit seiner Tätigkeit als Sozialarbeiter zu tun.

Auch wenn erst 1987 sein erstes Buch erschien, war Schreiben schon vorher ein wichtiges Ausdrucksmittel für ihn – was m. E. seinen Nachlass sehr interessant macht. Dort findet man zum Beispiel den Hinweis, dass er bereits direkt nach dem Krieg den Roman „Kalte Herzen in kalter Zeit“ über die jüdische Einwanderung in Palästina geschrieben hat, das Manuskript ist verloren und der Roman wurde niemals veröffentlicht.

Carlo Ross interessierte sich schon als Junge für Geschichte und Literatur. An eine höhere Schulbildung war aus Kostengründen und aufgrund seiner jüdischen Herkunft in der NS-Zeit allerdings nicht zu denken. Am 21. März 1942 wurde er aus der 8. Klasse entlassen und im gleichen Jahr begann er eine kaufmännische Ausbildung im Hagener Autohaus „Hütter & Schildberg“, wo er von 1942 bis 1946 lernte. Nach Abschluss der Ausbildung volontierte er in der WAZ-Redaktion, die damals von Walter Peddinghaus verantwortet wurde.

Warum er seine journalistische Tätigkeit 1949 beendet hat, mag ein Quellenstudium zeigen. Bekannt ist, dass er Ende der 50er Jahre bis 1962 bei der Stadt Hagen u. a. als Desinfektor beschäftigt war, ehe er sich der Sozialarbeit zuwandte und nach Westberlin zog.

In Berlin widmete er sich wieder dem Schreiben, er gründete den Verlag Patria, den er später verkaufte, und gab die „Berliner Seniorenpost“ und den „Berliner Heimatkalender“ heraus. Von Berlin siedelte er 1984 nach Maxhütte bei Regensburg und schrieb dort, seine heute noch bekannten und immer wieder neu aufgelegten Romane. Etwa 1997 kehrte er in seine Heimatstadt Hagen zurück, hier starb er am 12. August 2004 und wurde auf dem Friedhof in Haspe begraben. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen über Carlo Ross im Internet:

Findbuch Westfälisches Literaturarchiv

Portal „Jüdische Schriftstellerinnen und Schriftsteller in NRW“