(18.01.2014) Mit einem Posting bei Facebook hat Andrea Behnke mich an ein Buch erinnert, das ich vor über 20 Jahren gelesen habe: „Das denkende Herz“ von Etty Hillesum. Wenn ich mich richtig erinnert, war es der Leiter des Literaturkreises der VHS in Leinfelden-Echterdingen, der mich auf das Buch hingewiesen hat. In welchem Zusammenhang das geschah, weiß ich nicht mehr. Wie ich mich ohnehin nicht an die Bücher erinnern kann, die wir gelesen haben. Nur „Das denkende Herz“ fällt mir ein. Es hat mich damals von der ersten Seite an gefesselt, vielleicht, weil die Verfasserin nur wenige Jahre jünger war als ich – so wie ich im gleichen Alter wie Anne Frank war, als ich ihr Tagebuch gelesen habe.

Etty Hillesum beschreibt in ihrem Tagebuch ihre Erfahrungen mit der zunehmenden Judenverfolgung. Als Anne Frank noch halbwegs unbeschwert und von ihren Eltern von den wachsenden Repressionen abgeschirmt ihrem Alltag nachging, spürte Etty bereits die Veränderungen, die sich schleichend ergaben. Im März 1941 begann sie ihr Tagebuch. Ihr letzter Eintrag stammt vom 12. Oktober 1942, damals war Anne Frank gerade drei Monate untergetaucht. Neben dem Tagebuch gibt es einige Briefe, die sie aus Westerbork geschrieben hat. Der letzte ist datiert mit 7. – 9. September 1943, wenige Tage später wurde sie nach Auschwitz deportiert. Anne Frank lebte zu dem Zeitpunkt bereits 14 Monate im Hinterhaus und ein Jahr nach Etty Hillesums letztem Brief wurde Anne Frank von Westerbork nach Auschwitz deportiert. Mit dem letzten Menschen-Transport in das große Vernichtungslager, das nur wenige überlebt haben.

Etty Hillesum wäre am vergangenen Mittwoch 100 Jahre alt geworden. Sie wurde am 15. Januar 1914 in Middelburg geboren und erhielt den Namen Esther. Nach dem Abitur studierte Etty in Amsterdam Jura und trat am 15. Juli 1942 eine Stelle in der „Kulturellen Abteilung“ des jüdischen Rates an. Anfang August geht sie nach Westerbork, obwohl sie sicher Möglichkeiten gehabt hätte, zu fließen oder unterzutauchen. Anfangs darf sie noch gelegentlich nach Amsterdam reisen, im September 1943 wird sie jedoch mit ihrer Familie nach Ausschwitz deportiert. Als Todestag wird der 30. November 1943 angegeben, auch ihre Eltern und ihre beiden Brüder werden in Auschwitz ermordet.

Faszinierend ist die Geschichte des Tagebuchs. Etty ging davon aus, dass sie aus Auschwitz nicht zurückkehren würde. Deshalb übergab sie ihr Tagebuch einer Freundin mit der Bitte, dieses nach Kriegsende an den Schriftsteller Klaas Smelik weiterzugeben. Etty wollte, dass das Tagebuch veröffentlicht wurde und hoffte, dass ein Schriftsteller die passenden Kontakte hätte. Eine trügerische Hoffnung. Erst 1980 gelang es Klaas Smelik jr. einen Verleger zu interessieren. 1981 erschienen Auszüge aus dem Tagebuch in den Niederlanden, 1983 die erste Ausgabe im Freiburger Kerle Verlag. Meine Ausgabe von 1992 ist ein rororo-Taschenbuch, erstmals veröffentlicht 1985, bis 1992 hatte es eine Auflage von 40.000 Exemplaren erreicht. Zum 100sten Geburtstag ist bei Herder eine gebundene Auflage erschienen. Ich bin gespannt, ob es die gleichen Texte enthält wie meine Ausgabe oder die kompletten 600 Seiten Tagebuch, von denen J.G.Gaarlandt in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe berichtet. © Birgit Ebbert