(09.11.2019) Auf der Liste der Orte, die ich von Gotha aus unbedingt besuchen wollte, stand das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald. Ich wusste, es würde kein unterhaltsamer Ausflug werden, deshalb habe ich mir einen Schön-Wetter-Tag ausgesucht. Es mag Menschen geben, die Besuche in solchen Lagern als Spaß-Programm sehen, auch in Buchenwald gab es die – leider. Wenn ich durch das Gelände gehe, meine ich, die Menschen und ihr Leid zu spüren. Es macht mich jedes Mal wieder fassungslos und sprachlos, was Menschen Menschen angetan haben.

In Buchenwald wurde dieser Eindruck noch dadurch verstärkt, dass sich neben dem Häftlingslager, vielleicht fünf Meter vom Zaun entfernt, eine Anlage befand, in denen zur NS-Zeit Bären gehalten wurden – als Vergnügen für die SS-Schergen und ihre Familien. Wie menschenverachtend!

Auf den Spuren der Häftlinge in Buchenwald

Von dem ursprünglichen Lager sind nur wenige Gebäude erhalten, Schotter-Felder zeigen an, wo die Blöcke waren, in denen die Häftlinge leben mussten. Neu war für mich, dass es in einem solchen Lager eine Kantine für Häftlinge gab, in der sie für exorbitante Preise Waren erstehen konnten. Das Haus steht noch, einige Wachtürme an Ecken und Rändern des Lagers. Ebenfalls erhalten sind die Tötungsräume mit den Verbrennungsöfen und einer nachgebauten Genickschussanlage. Ich gebe zu, ich habe es nicht geschafft, noch in den Keller zu gehen.

Ich habe in dem Gebäude keine Fotos gemacht bis auf die Ketten aus Papierkranichen, die an den Öfen hingen. Bei all dem Schlechten, das dieses Gebäude ausstrahlte, war es tröstlich, dass Kraniche aus Papier den Weg hierher gefunden haben. Die Inschrift war auf – vermute ich – Japanisch, aber der Kranich ist ein Friedenssymbol, die Botschaft wird also wohl sein: Nie wieder Krieg und Mordmaschinen, für den Frieden!

Jedem das Seine

Was mich schon beim ersten Blick auf das Lager entsetzt hat, war die Inschrift im Lagertor. Ich beschäftige mich seit Jahrzehnten mit der NS-Zeit und Konzentrationslagern, die „Arbeit macht frei“-Inschrift von Auschwitz habe ich schon auf Bildern gesehen. Von der Inschrift „Jedem das Seine“ im Lagertor hatte ich noch nie gehört. Und diese Inschrift war so angebracht, dass man sie nur von innen richtig lesen konnte. Wie zynisch! Die Inschrift zeigt, wie sehr sich die Nationalsozialisten anderen überlegen fühlten. Diese „anderen“ waren „Jugendliche und Kinder, die keinen Platz in der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft haben sollten: Politische Gegner des Naziregimes, sogenannte Asoziale und Kriminelle, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Juden und Sinti und Roma“ (aus: Wegweiser durch die Gedenkstätte Buchenwald). Mir fehlen da die Worte.

Über das Lager Buchenwald

Das Konzentrationslager wurde 1937 eingerichtet, anfangs wurden dorthin oben erwähnte Personengruppen aus dem Deutschen Reich inhaftiert, ab Kriegsbeginn wurden Menschen aus ganz Europa dorthin gebracht. Insgesamt waren von 1937 bis 1945 280.000 Menschen aus über 50 Ländern untergebracht, als die amerikanischen Soldaten das Lager am 11. April 1945 befreiten, waren dort noch 21.000 Häftlinge, davon 900 Kinder und Jugendliche. 21.000! Die Lagerfläche ist zwar groß, aber 21.000 Menschen, das entspricht einer Kleinstadt – etwa die Hälfte der Einwohner meiner Heimatstadt. Und die waren auf der dann doch kleinen Lagerfläche untergebracht.

Dagegen hatten die Bären im „Zoo“ viel Platz. Der Lagerkomplex erstreckte sich außerhalb des Häftlingslagers über eine riesige Strecke. Bis man dorthin gelangt, fährt man durch einen Wald und die „Blutstraße“ entlang. Ja, auch der Navi bezeichnet die Straße so! Es gibt verschiedene Gedenkwege, die ich nicht gegangen bin. Da ich in Hundebegleitung war und Hunde nicht in das Häftlingslager durften, sind wir ein Stück den Postenweg gegangen, der sich um den gesamten Haftbereich zieht. Auch die Nebengebäude habe ich nur teilweise besucht, damit der Hund und seine Begleiterin nicht zu lange auf mich warten mussten. Aber der Eindruck, den ich mitgenommen habe, hallt noch Wochen später nach.

Das Mahnmal aus DDR-Zeiten

Das ist noch etwas, von dem ich nie gehört hatte – und meiner Begleitung und Bekannten, mit denen ich gesprochen habe, ging es genauso. Der Glockenturm, der an das Konzentrationslager Buchenwald erinnert, ist weithin sichtbar, genauso wie die Porta Westfalica, der Hermann im Teutoburger Wald oder Kaiser Wilhelm an der Hohensyburg. Trotzdem hatte ich ihn nie zuvor auf einem Bild oder in einem TV-Beitrag gesehen, auch nicht in einem Facebook-Posting, wo doch immer alles gezeigt wird. Das gilt ebenso wie für den Rest des Mahnmals, den Stelenweg, die Ringgräber, die Straße der Nationen, die Figurengruppe des – in Arnsberg geborenen – Künstlers Fritz Cremer. Das Ganze ist sehr imposant und vielleicht wirklich nur in einem System wie dem der DDR zu planen. Ich zumindest kenne kein vergleichbares bewusst erbautes Mahnmal in dieser Größe.

Bei der Durchsicht der Materialien, die ich mir aus der Gedenkstätte mitgebracht habe, habe ich erst festgestellt, was ich alles an dem Tag nicht gesehen habe. Ich weiß nicht, ob man das alles an einem Tag sehen und verarbeiten kann. In jedem Fall finde ich es heute wichtiger denn je, diese Lager und Gedenkstätten zu besuchen. Deshalb finde ich es gut, dass der Besuch keinen Eintritt kostet, sodass jeder die Möglichkeit hat, die Gedenkstätte zu besuchen.

Weitere Informationen: www.buchenwald.de

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