(07.12.2018) Ich kann es noch gar nicht glauben, aber ich habe es seit Jahren zum ersten Mal geschafft, ein Buch sofort zu lesen. Den neuen Roman „Das Herrenhaus im Moor“ von Felicity Whitmore alias Indra Janorschke, um genau zu sein. Am Freitag war ich bei der Buchpremiere, am Mittwoch hatte ich das Buch schon ausgelesen.

Das Herrenhaus am Moor

Das Buch hat zwei Handlungsstränge, die beide mit einem Herrenhaus in England zu tun haben. Da ist zum einen Laura, die ihren Mann bei einem Autounfall verloren hat und sich auf die Suche nach der wahren Geschichte ihres Mannes macht. Sie landet in eben jenem Herrenhaus und erfährt Dinge, die sie niemals vermutet hätte. Und dann gibt es die Geschichte von Viktoria, die 120 Jahre vor Laura im Herrenhaus gelebt hat und sich nach dem Tod ihres Vaters den damals herrschenden Zwängen für Frauen ausgesetzt sieht. Ganz ehrlich, manche Szenen habe ich im „Schnellvorlauf“ gelesen, weil ich sie sonst nicht ausgehalten hätte. Wenn mir Romanfiguren sympathisch sind, vergesse ich schon mal, dass es sich um Fiktion handelt und leide mit. Aber, was Felicity-Indra schreibt, ist nicht an den Haaren herbeigezogen, sie hat sorgfältig recherchiert, wie man sich Anfang des 20. Jahrhunderts in England unliebsamer Frauen entledigte.

Über die Hintergründe des Buches

Natürlich handelt es sich bei „Das Herrenhaus im Moor“ um einen Roman, aber wieder war Indra im Vorfeld des Schreibens in England unterwegs, hat alte Schlösser und Gutshäuser besichtigt und das Ex- und Dartmoor erkundet. Bei der Buchpremiere am 30. November hat sie ein wenig aus dem Nähkästchen geplaudert. Sehr spannend finde ich, dass sie unter anderem ein Buch von Nellie Bly ausfindig gemacht hat, Nellie Bly alias Elizabeth Jane Cochran lebte von 1864 bis 1922, sie war vermutlich die erste investigative Journalistin und ließ sich in den 1880er-Jahren unter anderem zehn Tage in die Psychiatrie einliefern. Ihre dortigen Erlebnisse beschreibt sie in dem Buch „Ten Days in a Mad-House“, einiges davon lässt Felicity-Indra ihre Romanfigur Viktoria erleben. „Manches wollte ich meiner Romanfigur nicht antun“, berichtete Indra bei der Buchpremiere. Ich fand das, was sie ihr antat schon unfassbar genug.

Ein spannendes Buch mit Bezug zu einem spannenden historischen Kontext, dem Umgang mit Frauen im Viktorianischen England und der Rolle der Psychiatrie in dieser Zeit. Sehr lesenswert, auf jeden Fall wird das auf dem Gabentisch mancher Freundin landen 🙂 © Birgit Ebbert

Indra Janorschke hat bei der Buchpremiere schon einiges über das Buch berichtet, ich habe ihr trotzdem drei Fragen zum Buch gestellt 🙂

  1. Dein Roman spielt wieder in England. Woher kommt dein Faible für das Land?
    Ich glaube, meine Englandliebe liegt in der Literatur begründet. Denn die ersten Bücher, die mir als Kind vorgelesen worden sind, waren die von Astrid Lindgren und Enid Blyton. Und welch Wunder, Schweden und England wurden meine Lieblingsländer. Als ich älter wurde und selbst angefangen habe zu lesen, habe ich alle Agatha Christies verschlungen und Daphne Du Maurier. Und da war es schon geschehen! England hatte Schweden überholt und weit hinter sich gelassen. Als ich dann noch angefangen habe, Midsummer Murders – also Inspektor Barnaby – zu schauen, war die Sache eigentlich klar. Ich kann mich noch ganz genau erinnern, als ich 2007 zum ersten Mal in England war (Cambridge), war ich begeistert davon, genau das England gefunden zu haben, was ich durch Inspektor Barnaby und Agatha Christie kannte. Und ich glaube, das ist das Besondere an dem Land: Es ändert sich nicht viel. Die Dörfer unterscheiden sich heute nicht wesentlich von ihrem Erscheinungsbild zu Miss Marples und Poirots Zeit. Tradition wird gepflegt und überall stehen die alten Gebäude…
  2. Wie bist du auf die Idee gekommen, das Thema „Frauen und Psychiatrie“ im ausgehenden 19. Jahrhundert in den Mittelpunkt deines historischen Handlungsstranges zu stellen?
    Ja, über die Frage habe ich gestern auch schon nachgedacht. Ich denke, das ist durch die viele Recherche automatisch gekommen. Ich habe in den letzten Jahren viel über das viktorianische England gelesen und da sich im 19. Jahrhundert irrsinnig viel in der Psychiatrie getan hat (natürlich nicht nur in England, sondern in ganz Europa), hat sich das Thema quasi aufgedrängt. Außerdem erkläre ich das Handeln meiner Figuren gern psychologisch und es ist ein wichtiges Thema für Frauen gewesen. Eine Frau in eine Psychiatrie zu stecken – ob begründet oder nicht – war eine gängige Scheidungspraxis. Und für viele war es eine Einweisung ohne Rückkehrmöglichkeit in die Gesellschaft. Bis in die 1960er, 70er Jahre war es unglaublich schwer, wenn man einmal in einer Anstalt saß, wieder rauszukommen (Einer flog übers Kuckucksnest).
  3. Warum beginnt die Geschichte der Protagonistin unserer Zeit ausgerechnet in Düsseldorf?
    Düsseldorf ist mehr oder weniger Zufall. Deutschland war wichtig, weil Frank ja bewusst England verlassen hat. Da ich über etwas schreiben wollte, das ich kenne, habe ich – relativ willkürlich – Düsseldorf gewähl