(27.11.2013) Eine der letzten Veranstaltungen in Albstadt war die Lesung von Manfred Mai aus seinem Buch Das verkaufte Glück. In Mittelpunkt des Buches, das ich rechtzeitig vorher ausgelesen hatte, steht „Der lange Weg der Schwabenkinder“, so der Untertitel. Es ist ein ernstes Buch für ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene, das eine zum Glück nicht mehr übliche Tradition in Südtirol beschreibt. Dort war es bis in die Mitte des 20sten Jahrhunderts hinein üblich, dass die Kinder armer Familien nach Schwaben geschickt wurden, um sich dort als Hilfskräfte zu verdingen. 8.000 bis 10.000 Kinder gingen vor allem zwischen 1800 und 1900 jährlich im Frühling zu Fuß oft nur mit dem Nötigsten ausgestattet aus den Tiroler Bergdörfern (in dem Buch Galtür) bis nach Schwaben (im Buch Ravensburg), um dort zu arbeiten. Nicht alle Kinder treffen es so gut an wie die Hauptfigur Jakob. Der Junge schafft es, sich die Anerkennung und Gunst seines Dienstherrn zu verdienen. Anders sein Bruder, seine Freundin Anna und die anderen Weggenossen, mit denen er von Galtür ins Schwäbische zieht.

Keine leichte Kost für einen Sonntagnachmittag und in einer Zeit, in der viele nur Fun und Action erwarten. Trotzdem war der Saal im Bildungszentrum in Ebingen bis auf den letzten Platz gefüllt – nicht nur von Erwachsenen, sondern auch von Kindern. Um die Anspannung, die sich beim Zuhörern der anrührenden und manchmal auch belastenden Geschichte breit machte, aufzulösen, sorgte Manfred Mai durch Fragen und Hinweise auf die realen Orte immer wieder für Entspannungsmomente, in denen auch gelacht werden konnte. Außerdem hat er einen jungen Sänger, Martin Lenz, mitgebracht, der mit Songs, die er gemeinsam mit Manfred Mai geschrieben hat, für eine lockere Stimmung sorgte.

Die großen und kleinen Zuhörer waren, das konnte ich den Gesprächen, denen ich gelauscht habe, entnehmen, waren ebenso begeistert von dem BuchDas gebrauchte Glück wie ich. Aber ich mag es auch, wenn Geschichte in Geschichtenform erzählt wird und von den „Schwabenkindern“ hatte ich so bewusst noch nie gehört. Jetzt habe ich natürlich recherchiert und gesehen, dass es sogar eine Internetseite www.schwabenkinder.eu gibt – als Tipp, falls jemand sich über das Buch hinaus informieren möchte. Das Buch enthält aber auch ein informatives Nachwort, in dem Manfred Mai die realen Hintergründe seiner fiktiven Geschichte schildert.

Ein lesenswertes Buch, besonders, wenn man daran denkt, dass es heute durchaus noch Kinder in vergleichbaren Situationen gibt. Kinder, die zwar nicht in Deutschland oder Tirol leben und nicht nach Schwaben kommen, um dort zu arbeiten, aber auch viel Leid erleben, um ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familien zu sichern.

Ich wollte von Manfred Mai wissen, was er sich beim Schreiben des Buches gedacht hat, und habe ihm drei Fragen zum Buch gestellt – ich habe ihm noch mehr Fragen gestellt, aber die Antworten, die ich darauf bekommen habe, werde ich in einem Porträt verarbeiten, das dann auch demnächst hier zu lesen sein wird. Jetzt erst einmal zum Buch „Das verkaufte Glück“:

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, ein Buch zu dem Thema „Schwabenkinder“ zu schreiben?
Die Geschichte der Schwabenkinder beschäftigt mich schon lange – auch schon lange, bevor das Buch von Elmar Bereuter mit Tobias Moretti verfilmt wurde. Ich habe alles über sie gelesen, was ich in die Finger bekam, und ich wusste, dass ich dazu etwas schreiben würde. Ich wusste nur lange nicht, in welcher Form und für welches Alter. Weil Kinder die Hauptpersonen sind, habe ich mich vor zwei Jahren entschlossen, ein Buch zu schreiben, das Kinder ab etwa 10 schon lesen und verstehen könne, das aber auch für Erwachsene lesenswert ist.

Woher wissen Sie, wie die Schwabenkinder gelebt haben?
Mit der ersten Antwort ist auch Ihre zweite Frage schon (fast) beantwortet. Hinzufügen möchte ich: Mein Großvater hatte einen Bauernhof, einen alten Bauernhof, auf dem die Arbeiten bis etwa 1960 noch überwiegend mit den Händen verrichtet wurden. Dieser Bauernhof und die Arbeiten unterschieden sich nicht wesentlich von Arbeiten, die auf Bauernhöfen hundert Jahre zuvor getan werden mussten. Nur wurden die Kühe bei uns auf der Alb nicht auf die Weiden getrieben, sondern im Stall gehalten.
Ich musste schon von kleinen Kindesbeinen an kräftig mithelfen und weiß deshalb aus eigener, zum Teil leidvoller Erfahrung, wie Bauernarbeit „schmeckt“. Mir hat sie nicht geschmeckt, was mir mein Großvater immer übel nahm.

Sind Ihnen bei der Recherche jemals in anderen Regionen ähnliche „Traditionen“ begegnet?
Kinder mussten früher auch in anderen Regionen arbeiten, auch auf fremden Bauernhöfen. Aber dass über Jahrhunderte so viele von den Eltern ins Ausland geschickt wurden, um sich dort zu „verdingen“, das hat es meines Wissens in Europa so nirgendwo gegeben.

Weitere Informationen über Manfred Mai und seine Werke: www.manfred-mai.de © Birgit Ebbert