(27.06.2014) Morgen wird im Osthausmuseum im Souterrain des historischen Altbaus eine ganz besondere Ausstellung eröffnet. Hier werden Überreste von 16 Skulpturen gezeigt, die 2010 zufällig bei Bauarbeiten in Berlin gefunden wurden und von denen man heute weiß, dass sie zu den Kunstwerken gehörten, die die Nationalsozialisten als „entartet“ einstuften. Einige der Werke waren sogar in der großen Ausstellung „Entartete Kunst“ im Sommer 1937 in München zu sehen. Doch davon wussten die Arbeiter auf der Baustelle nichts, ebensowenig die Archäologen, die gerufen wurden, als man das erste Werk fand. Nachdem allerdings klar war, dass es sich bei den Bruchstücken um Kunst handelt, begann ab 2011 das große Raten, Prüfen und Recherchieren, um die Herkunft der Werke zu bestimmen.

Emy Roeder, Kopffragment der „Schwangeren“ 1918

Heute können die meisten Skulpturen eindeutig einem Künstler zugeordnet werden, weil zum Beispiel Fotos oder Kopien der Werke existierten, die bei der Rekonstruktion halfen. Das gilt zum Beispiel für „Die Knieende“ von Milly Steger (siehe Foto links), die mithilfe der stellvertretenden Direktorin des Osthausmuseums Dr. Birgit Schulte eingeordnet werden konnte – zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit.

Keine leichte Arbeit, wie sie mir verraten hat, doch dazu wird es einen speziellen Beitrag geben wie auch über Milly Steger und die anderen beiden Künstler mit engem Bezug zu Hagen: Karel Niestrath und Will Lammert. Dass drei der Künstler, deren Skulpturfragmente in der Ausstellung gezeigt werden, einen engen Bezug zu Hagen hatten, zeigt wieder einmal, wie kulturell bedeutsam Hagen von 100 Jahren war. Von diesen drei Künstlern sind in der Ausstellung weitere Werke zu sehen, das Osthausmuseum ergänzt die Berliner Skulpturen um 13 Exponate aus eigenem Bestand.

Beim Aufstellen wurde eine pfiffige Lösung gefunden, um die Werke aus dem Bestand und dem Bombenschutt abzugrenzen. Das Museum besitzt nämlich einen Bronzeguss aus dem Nachlass von Will Lammert, der genau einem Kunstwerk aus dem „Bombenschutt“ entspricht.

  
Will Lammert „Sitzendes Mädchen“ als Bronzeguss aus dem Nachlass und als Steinzeug aus dem Bombenschutt

Als Autorin fasziniert mich natürlich auch die Geschichte bzw. die Geschichten rund um die Ausstellung. Bei Bauarbeiten für die Erweiterung der U-Bahn vor dem Roten Rathaus fanden ab Oktober 2009 vor allem dort, wo die Haltestelle „Rathaus“ sein sollte, archäologische Untersuchungen statt. Man wollte die Gunst der Baumaßnahme nutzen, um Informationen über die Siedlungs- und Baugeschichte Berlins zu erhalten. Deshalb beobachteten Archäologen die Ausschachtungen und waren vor Ort, als man auf einen metallenen Gegenstand stieß. Es stellte sich heraus, dass es sich dabei um Überreste eines Kunstwerks des Bildhauers Edwin Scharff (siehe Foto links „Bildnis der Schauspielerin Anni Mewes“ 1917) handelte. Als nach und nach die Fragmente weiterer Skulpturen zum Vorschein kamen, begann man weiter zu forschen und stellte fest, dass an dieser Stelle mit großer Wahrscheinlichkeit ein Außenlager für die beschlagnahmte „Entartete Kunst“ gewesen war. Dort wurden also unter anderem jene Kunstwerke gehortet, die als nicht systemrelevant aus den staatlichen Museen entfernt wurden.

In der Ausstellung „Entartete Kunst im Bombenschutt“ werden die Skulpturen gezeigt, die 2010 gefunden wurden. Hagen ist ein von vielen Stationen der Ausstellung, die von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gefördert wird. Ohne diese Unterstützung hätte das Projekt nicht in dieser Weise realisiert werden können. Schon der Transport und Aufbau der wertvollen Überreste ist aufwendig. Es wurden zum Beispiel spezielle Behälter angefertigt, um die von Zeit und Natur beeinträchtigten Werke zu transportieren und für den Aufbau reist ein Experte an, der sich mit den Skulpturen und Fragmenten auskennt.

Beim Rundgang durch die Ausstellung, die wunderbar in den Raum eingefügt wurde, spürt man einen Hauch der Vergangenheit, vor allem beim Betrachten der Skulpturen, die noch von einer Patina überzogen sind. Am Beispiel der „Tänzerin“ von Marg Moll (siehe Bild links) wird deutlich, wie ein Werk früher ausgesehen und wie die Zeit es beeinflusst hat. Es gibt wirklich viel zu entdecken in der Ausstellung. Infotische mit der Fundgeschichte und Hintergründen zu den Künstlern und Werken helfen zusätzlich, die Kunstwerke einzuordnen. Für mich ist besonders faszinierend, mir vorzustellen, dass die Skulpturen über 70 Jahre unbemerkt unter der Erde lagen und dennoch – mal mehr, mal weniger – sofort deutlich wird, was der Künstler oder die Künstlerin darstellen wollte. Ab Sonntag ist die Ausstellung zu sehen, bis zum 21. September. © Birgit Ebbert

Die Eröffnung der Ausstellung findet statt am 28. Juni 16.00 Uhr im Auditorium des Kunstquartiers.

Weitere Informationen www.osthausmuseum.de

Entartete Kunst – Kunstvernichtung in der NS-Zeit

Ein Tipp am Rande: Einige Werke von Milly Steger, Karel Niestrath und Will Lammert sind übrigens auch in der Ausstellung „Weltenbrand 1914 – Hagen“ zu sehen. Ein schöner Anlass, gleich noch die sehenswerte Weltenbrand-Ausstellung zu besuchen.