(15.07.2014) Ich gebe zu, in meinem Beitrag über Nagelbretter kam der „Eiserne Schmied“ aus Hagen etwas zu kurz. Zumindest kam es mir so vor, nachdem mich Dr. Stefan Goebel  am 10. Juli eineinhalb Stunden mit seinem Vortrag über „Nagelmänner“ und andere Kriegswahrzeichen gefesselt und einige neue Informationen übermittelt hat. Der „Eiserne Schmied“ in Hagen war nämlich kein Einzelfall, etwa 1.000 Objekte sind bekannt, man rechnet jedoch mit einer Dunkelziffer von Tausenden Kriegswahrzeichen. Fast jeder Ort konnte in der ersten Hälfte des Krieges ein solches „Kriegswahrzeichen“ vorweisen, manche beschränkten sich auf „Nagelbretter“, andere stellten wie die Hagener eine Figur aus Holz (Eiche aus dem Spessart) auf, die durch eiserne Nägel in wuchtige Figuren verwandelt wurden. Obwohl der „Eiserne Schmied“ innen hohl ist, wodurch er sich gut gehalten hat, wiegt er schätzungsweise 1,5 Tonnen, die Figur wurde gestaltet von Friedrich Bagdons, der u. a. auch den „Eisernen Reinoldus“ in Dortmund geschaffen hatte.

Nur wenige dieser Figuren haben die Wirren der Kriege überlebt, manche wurden nach dem ersten Weltkrieg weggeräumt, einige sicher auch zerstört, die eine oder andere aufgelöst, um das Eisen weiterzuverwenden. Hagen verfügt heute über zwei solcher Kriegswahrzeichen, den „Eisernen Schmied“, der im Historischen Centrum steht, und die „Eiserne Tür von Haspe“, die bis Anfang des Jahres im Keller einer Schule lagerte und nun in der Ausstellung des Ruhrmuseums über den Ersten Weltkrieg zu sehen ist. Für diejenigen, die in der Hagener Geschichte nicht so bewandert sind: Haspe war vor 100 Jahren noch eine eigenständige Stadt, das Tür-Motiv hatten die Stadtväter gewählt, um es später in das neue Rathaus zu integrieren. Daraus wurde nichts mehr, aber die Tür ist dennoch erhalten.

In Hagen wurde im Herbst 1915 der „Eiserne Schmied“ vor dem Rathaus aufgestellt – etwa unterhalb des Balkons der heutigen Eisdiele, wenn ich mir die alten Fotos anschaue. Natürlich war alles, was Rang und Namen hatte bei der Aufstellung anwesend, der Oberbürgermeister begrüßte den „lieben eisernen Schmied“ mit einer Rede und viele verewigten sich in den kommenden Wochen gegen eine Spende mit einem Nagel in der Holzfigur. Man musste sich nicht auf eine Spende für den Nagel beschränken, sondern konnte auch durch den Kauf einer Postkarte, eines Faltblattes oder eines anderen Fanartikels an der Aktion beteiligen. Auch vom „Eisernen Schmied“ gab es kleine Modelle, die man sich zu Hause ins Regal stellen konnte.

Noch heute lässt sich genau nachvollziehen, wer damals gespendet und genagelt hat – ja, auch diese Aktion wurde sehr bürokratisch durchgeführt. In einem Ehrenbuch sind die Nägel mit Nummer und Spendernamen, manchmal auch Namen des Naglers vermerkt. Außerdem bekam jeder Spender eine Urkunde, in die die Nummer seines Nagels eingetragen wurde. Nicht immer waren Nagler und Spender ein- und dieselbe Person. Gelegentlich spendeten Unternehmen und die Nägel einschlagen durften Schulklassen oder Kindergruppen. Es waren ohnehin nicht nur Einzelpersonen, die Geld spendeten, sondern auch Gruppen oder Verbände.

Auch war es nicht damit getan, den Hammer zu schwingen und den Nagelkopf zu treffen. Jeder Nagler musste einen Spruch aufsagen, den er selbst erfinden oder aus einer Reihe von Mustertexten auswählen konnte. So rief eine Kindergottesdienst-Gruppe beim Hämmern „Schloa drop, Schmied“, eine Vereinigung Hagener Juristen schmetterte „Hammer sei Deutschland, Amboss der Feind“ und die Reisekaufleute verkündeten „Blut und Eisen“ bei ihrem Schlag. Der „Eiserne Schmied“ wuchs also und wurde zu einem Motivator, der über Briefe Kontakt zu der Hagener Bevölkerung aufnahm und diese als „Meine lieben Mitbürger“ ansprach.

Als 1916 die erste Begeisterung abebbte, hatten die Initiatoren der Nagelfigur eine besondere Idee. Sie riefen dazu auf, Gedächtnisnägel für gefallene Soldaten einzuschlagen. Die Nägel unterschieden sich dadurch von den üblichen Nägeln, dass die Namen der Gefallenen eingraviert wurden. Der Verein, der für die Aktion gegründet worden war, zeichnet sich auch sonst durch effektives Marketing aus. Zum ersten Geburtstag des „Eisernen Schmieds“ erschien bereits eine Art „Festschrift“ im Verlag des Eisernen Schmiedes.

Die ganze Aktion war im übrigen nicht unumstritten war, vor allem im Ausland sah man die „Nagelepidemie“ kritisch. Um weiterer Kritik vorzubeugen, achtete man in Hagen darauf, dass nicht direkt in den Körper genagelt wurde, sondern nur in die Kleidung, den Hammer o. ä. Möglicherweise war sie mit ein Grund dafür, dass diese Nagel-Aktionen im Dezember 1916 vom Preußischen Ministerium verboten wurde, was die Hagener wenig kümmerte, sie nagelten weiter.

Die Nagel-Aktionen wurden in der Regel von Kommunen, oft auch von einzelnen Gruppierungen initiiert, die auch entschieden, was mit den Spenden geschehen sollte. In Hagen waren sie für Kriegswitwen und -weisen gedacht. Zur Verteilung wurde eine Geschäftsstelle des Eisernen Schmiedes eingerichtet, die bis in die 20er Jahre aktiv war und die Gelder verwaltete. Zumindest das, was nach den wenig erfolgreichen Kriegsanleihen, also Fehlspekulationen, noch übrig war. Neben den Wehr- oder Nagelmännern wie der „Eiserne Schmied“ gab es eine Fülle von Nagelbrettern, die zur Grundlage für Spendensammlungen genutzt wurden. Ein Verlag, die Firma Glasmachers aus Essen,  spezialisierte sich sogar darauf, Schulen „Aktionspakete“ bereitzustellen. Interessierte Einrichtungen konnten ein Motiv wählen und bekamen dann die Vorlage, die Nägel, einen Hammer und eine Handreichung mit Anregungen zur Durchführung einer „Nagelfeier“. Dieses Geschäftsmodell ist der Grund, weshalb heute – wenn sie noch vorhanden sind – in Kommunen Nagelbrettern mit den gleichen Motiven zu bestaunen sind.

In der Ausstellung „Weltenbrand 1914 – Hagen“, die noch bis zum 10. August läuft, sind einige Nagelbretter zu sehen. Es lohnt sich, sie anzuschauen und auch den Artikel von Dr. Stefan Goebel im Katalog zur Ausstellung zu lesen. Meine Notizen sind noch sehr viel umfangreicher, ich hätte nie gedacht, dass es so viel über das Thema zu erfahren gibt. © Birgit Ebbert

Mein Besuch der Ausstellung Weltenbrand

Artikel über Nagelbretter in der Ausstellung Weltenbrand

Website des Osthausmuseums

Der 1. Weltkrieg in Hagen oder Nebenbei im Museum gelernt