(19.12.2017) Ehe ich zu dem Roman „Der Klang der verborgenen Räume“ etwas schreibe, muss ich vorwegschicken, dass es das erste Buch ist, das ich in diesem Jahr gelesen habe. Das Jahr war beruflich und privat so turbulent, dass mir Zeit und Muße zum Lesen fehlten. Nach der Buchpremiere des Buches von Felicity Whitmore siegte die Neugier, zumal mich Gespräche über das Buch begleiten, seit ich die Autorin, hinter deren Pseudonym Indra Janorschke vom Theater an der Volme steckt, kenne.

Der Roman und seine Geschichte

Im Mittelpunkt des Romans steht die 24-jährige Nina Altmann, die von einer Großtante, die ihr bis dahin unbekannt war, ein Haus in England geerbt hat. Da sie ohnehin gerade Abstand brauchte zu ihrem Beruf als Pianistin und vor allem zu ihrer Mentorin und dessen Mann, mit dem sie eine kurze Liason hatte, entschied sie sich, das Haus wenigstens einmal anzusehen. Bald war sie in den Bann gezogen, spätestens als sie das Gemälde einer Frau entdeckt, die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht. Sie versucht zu ergründen, wer die Frau war und weshalb die Menschen im Ort von ihr nur als Mörderin sprechen.
Wir Leser haben es etwas einfacher als Nina, die mit einigen Hindernissen bei der Suche kämpfen muss. Wir erfahren in einem zweiten Handlungsstrang ein wenig aus dem Leben jener Anna Stone, die auf dem Bild zu sehen und Ninas Urgroßtante ist. Dennoch ist das Ende, bei dem die Handlungsfäden zusammengeführt werden, überraschend. Aber das verrate ich natürlich nicht J

Sprache und Aufbau des Romans

Ich gebe zu, ich bin ja ein Fan von Romanen mit mehreren Handlungssträngen in verschiedenen Zeiten. Damit kann man mich fesseln und die Zeit Mitte des 19. Jahrhunderts, als Anna Stone lebte, interessiert mich, weil das Steampunk-Thema noch in meinem Hinterkopf und ein Roman schon angefangen ist. Das Buch hatte es also ein bisschen leichter, mein Herz zu erobern, als andere Bücher. Aber hier gefallen mir auch die Wendungen, die die Handlung nimmt und sogar die Beschreibungen, obwohl ich die auch gerne mal überlese J Man merkt der Geschichte an, dass sie gut recherchiert ist und kann es manchmal kaum ertragen, wie die Frauen in der Mitte des 19. Jahrhunderts behandelt wurden, aber das ist natürlich auch Teil der Erzählung, ohne die Missachtung und Unterdrückung hätte die Geschichte nicht so passieren können, wie sie passiert ist. Ach, lest doch selbst! Zwischen den Jahren ist eine schöne Zeit für die Lektüre. Ich werde dann endlich den neuen Roman von Gina Mayer „Leonores Töchter“ lesen und – lacht nicht – einen Roman, den ich mir selbst schenke: „Herr Origami“ J

Schöne Feiertage und einen entspannten Ausklang des Jahres. © Birgit Ebbert

Natürlich habe ich auch Indra-Felicity drei Fragen zum Buch gestellt:

1. Wie kamst du überhaupt auf die Idee zu der Geschichte?

Die Idee ist gewachsen. Tatsächlich hatte ich mit zwölf Jahren schon den Funken dieser Idee im Kopf. Damals wollte ich eine Geschichte schreiben, in der die Mutter meiner Protagonistin gestorben war und sie musste zu Verwandten nach Amerika. Gut, es ist jetzt England geworden und nicht Amerika und die Verwandte (Ernestine) ist auch schon tot und meine Protagonistin verliebt sich auch nicht in ihren Cousin, wie ich es damals geplant hatte, aber immerhin ist Ninas Mutter ja auch gestorben. Auch alles andere ist immer stückchenweise gekommen. Meine Liebe zu England brachte die Idee, dass der Roman dort spielt, das Vikotrianische Zeitalter hat mich auch irgendwie fasziniert und dann habe ich eins zum anderen gestrickt.

2. Warum hast du deinen Hauptfiguren den Beruf einer Pianistin zugeordnet?

Dann habe ich irgendwann, als ich um die 20 Jahre alt war, die Sonate Pathetique gehört und seitdem inspiriert mich der zweite Satz daraus. Sie sollte unbedingt mitspielen und so boten sich die Pianistinnen an. Und ich fand es irgendwie gut, dass beide Frauen sich so ähnlich sind, um Nina eine ausreichende Motivation zu geben, der alten Geschichte nachzugehen. Da sie bei Anna so viele Gemeinsamkeiten entdeckt, ist es für sie so, als ginge es um sie selbst. Und das ist auch eine wichtige Aussage, die ich treffen wollte, dass Frauen damals und heute gleich aussehen konnten, ähnlich fühlen und handeln konnten bzw. können, die Konsequenzen, die sich daraus ergeben sind heute allerdings anders, als sie früher waren. Frauen waren Jahrhunderte lang nicht frei und wir können froh sein, heute zu leben und selbst über unser Leben bestimmen zu dürfen. Das war nicht immer selbstverständlich.

3. Was war das Schwierigste zu schreiben an dem Roman?

Oh, das Schwierigste zu schreiben sind immer (und so war es auch bei diesem Roman), die Stellen, in denen nicht viel passiert, die aber trotzdem da sein müssen. Also das, was zwischen zwei Wendepunkten passiert. Das ist bestimmt meiner Ungeduld geschuldet. Ich will immer, dass ganz viel passiert und alles am besten sofort. Ursprünglich war auch noch viel mehr Handlung drin, besonders im gegenwärtigen Erzählstrang, aber meine Lektorinnen haben stark ausgedünnt und so ist viel auf der Strecke geblieben, was natürlich auch gut war.

Felicity Whitmore: Der Klang der verborgenen Räume. dtv 2017