(10.04.2014) Das Faszinierende an Büchern im Gegensatz zu Bildmedien ist, dass jeder sich seine eigenen Bilder macht. Selten habe ich das so erlebt wie bei dem Buch „Die Inszenierung“ von Martin Walser. Kaum hatte ich das Buch begonnen, sah ich die Hauptfigur August Baum vor mir – bitte entschuldigen Sie, Werner Hahn, aber er sah genauso aus wie Sie als „alter Haudegen“ in „Gretchen 89ff“. Verwunderlich ist das nicht, ich weiß, handelt es sich doch bei beiden Werken um eine Art Meta-Geschichte über das Theater. Das zeigt aber wieder, dass der Zufall unser Leben mehr bestimmt als wir denken.

Doch zurück zur „Inszenierung“ von Martin Walser, in der es um mehr geht als um eine Inszenierung geht, die auch eine Inszenierung ist. Im Mittelpunkt steht der Theaterregisseur August Baum, der während der Vorbereitungen für die Inszenierung der „Möwe“ von Tschechow einen Schlaganfall erleidet und ins Krankenhaus eingeliefert wird. Da liegt er nun, schon wieder ganz fit, und versucht, die Fäden seines Lebens geschickt zu ziehen, damit kein Chaos entsteht. Das ist auch nötig, schließlich würden sich seine Ehefrau  Dr. Gerda und seine Geliebte Ute sonst die Klinke in die Hand geben – eine nicht gerade gesundheitsfördernde Vorstellung. Zumal auch seine Assistentin Lydia mitmischt, von der man nicht genau weiß, was sie nun ist: Freundin, Muse, Ex-Geliebte … Kurzum: Die Situation entbehrt nicht einer gewissen Brisanz, sodass schon die Story zum Lesen einlädt.

Nun schreibt Martin Walser keine Wald- und Wiesen-Dreiecks-Geschichten. Er komponiert seine Romane und setzt jedes Wort wie ein Musiker eine Note auf dem Notenpapier. Rund um das Beziehungsspiel, das August Baum vom Krankenbett aus inszeniert, flicht er Bemerkungen ein, die den Leser herausfordern, mit- und weiterzudenken. Mehr als einmal saß ich da und grübelte, was mit einem Satz gemeint und wieso dieser nun ausgerechnet an der Stelle steht. Das hat Martin Walser wohl auch bezweckt, wenn ich den Satz, den er Augusts Jugendfreund schreiben lässt, richtig interpretiere: „Lies das dreimal hin und her, dann geht Dir vielleicht der Anspruch dieser Sätze auf.“

Martin Walser bei der Lesung in Albstadt im November 2013

Jedenfalls habe ich eine lange Liste von Fragen zu dem Buch für den Blog auf drei reduziert und danke Martin Walser für die Antworten.

Wie entstand die Idee für diesen Roman?
Ein Roman entsteht immer aus vielen Gründen, die nichts miteinander zu tun haben. Ganz konkret lässt sich für die Inszenierung angeben, dass mich die Nachricht über eine Erkrankung des Regisseurs Peter Zadek interessiert hat. Er war im Krankenhaus, seine Inszenierung war erledigt, weil die Schauspieler aufgegeben haben. So glaube ich war das. Dann fängt man an, will wissen, wie das weitergeht. Und man erfährt dies durch Schreiben, aber da spielen dann ältere Motive die wichtigste Rolle.

Wie schaffen Sie es, den Leser gleichzeitig zu fesseln und zu verwirren?
Diese Frage ist nicht zu beantworten, weil ich nicht an Leser denke, wenn ich schreibe.

Welche Figur ist Ihnen aus dem Buch am sympathischsten?
Mir sind immer alle Personen eines Romans gleich sympathisch. Ich kann nur schreiben, wenn ich meine Personen liebe.

Zu meinem Eindruck von der Lesung von Martin Walser in Albstadt