(29.06.2014) Als ich durch die Ausstellung „Weltenbrand 1914 – Hagen“ im Hagener Osthausmuseum schlenderte, hatte ich plötzlich einen Erinnerungsflash. Unglaublich. Vor der Wand mit den Nagelbrettern, erinnerte ich mich daran, dass ich vor 35 Jahren an einer ebensolchen Spendenaktion beteiligt war. Mein Vater war damals Vorsitzender des Arbeitskreises, der die 100-Jahr-Feier der Borkener Kolpingfamilie ausrichtete und als solcher auch für das Fundraising zuständig. Er ließ keine Gelegenheit aus, scheute sich auch nicht, seinen Hut – der fortan nur „Sammelhütchen“ hieß – zum Sammeln herumzugeben und hatte die Idee mit dem Nagelbild. Bei einer Versammlung konnte jeder Anwesende gegen eine Spende, einen Nagel in das Bild schlagen. Da mein Vater schon wieder auf Spendenakquise war, blieb die Umsetzung zum Teil an mir hängen. Bis zum Besuch der Weltenbrand-Ausstellung habe ich nicht daran gedacht. So funktioniert unser Gehirn eben – eine Wahrnehmung kann eine wahre Assoziationskette auslösen.

Nun hängen in der Ausstellung zum ersten Weltkrieg in Hagen keine Nagelbretter aus den 70er Jahren aus, sondern ebensolche aus den Kriegstagen. 1914 hatte nämlich ein findiger Österreicher eine ähnliche Idee wie mein Vater, allerdings wollte er Geld für den Krieg sammeln. Er ließ einen Ritter aus Holz anfertigen und bot der Bevölkerung Wiens die Gelegenheit, diesem durch Nägel eine Form zu geben. Jeder Nagel musste allerdings bezahlt werden. Diese Figuren werden auch Wehrmann aus Eisen, Nagelmann, Nagelfigur genannt. Wie viel Geld genau in die Kriegskasse floss, ist nicht bekannt – oder nicht veröffentlicht. Die Idee allerdings hat sich damals schnell herumgesprochen. Damit schließt sich der Kreis zu Hagen und der Ausstellung wieder. Auch in Hagen gab es einen solchen „Wehrmann“, den „Eisernen Schmied“, der im Eingangsbereich des Stadtmuseums steht. Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass auch diese Figur mit Nägeln übersät ist, für die Hagener die eine oder andere Reichsmark locker gemacht haben. Angesichts des Erfolges mit dem Schmied, wurden für kleinere Spendenaktionen Nagelbretter initiiert, von denen einige in der Ausstellung „Weltenbrand“ zu sehen sind.

Dort können Besucher sich auch über den Bilder- oder besser Schmied-Streit informieren, der 1914 um die Figur ausbrach. Wer die Figur, einen Entwurf des Bildhauers Friedrich Bagdons, gesehen hat, ahnt schon, dass Karl Ernst Osthaus wenig begeistert von dem Entwurf war. Er bat Ernst Ludwig Kirchner, einen Gegenentwurf vorzulegen – Osthaus‘ Versuche waren vergebens, der Stadtrad entschied sich für den eher traditionellen Schmied. In der Ausstellung kann neben einer täuschend ähnlichen Nachbildung des Eisernen Schmieds auch ein Teil des Schriftwechses zwischen Osthaus und Kirchner betrachtet werden sowie ein Bild des Entwurfs von Ernst Ludwig Kirchner, sehr interessant! Aber auch andere Nagelbretter sind zu sehen, Hagener werden vermutlich ganz andere Aha-Erlebnisse haben als ich. Aber eines ist sicher: Ohne wenigstens einen Überraschungsmoment verlässt niemand die äußerst sehenswerte Ausstellung und das sage ich, obwohl ich sie eigentlich gar nicht anschauen wollte. In den Ferien werde ich mir einen Tag Zeit nehmen und noch einmal in Ruhe alles anschauen. © Birgit Ebbert

Mein erster Eindruck von der Ausstellung

Website des Osthausmuseums

So (Foto links) sah dann übrigens das fertig Nagelbrett aus, an dessen Entstehung ich mitgewirkt habe. Das war 1979 und meine Familie besaß nicht die begabteste Kamera, deshalb kann man die Nägel leider nicht erkennen. Aber ich könnte notfalls einige Zeugen herbeischaffen – die wüssten dann vielleicht auch, wo das Werk abgeblieben ist. Im Jubiläumszug (Foto rechts) wurde es jedenfalls noch sehr gewürdigt.