(22.01.2019 In Hagen gehen zurzeit „Die Räuber“ von Friedrich Schiller um, na gut, sie sind nur im Theater Hagen unterwegs, aber dort nicht nur auf der Bühne, soviel kann ich verraten. Die Inszenierung musste ich mir unbedingt ansehen, weil ich das Stück immer schon interessant fand und während meines Studiums eine Kritik über eine Aufführung schreiben musste, damals in Esslingen in der Württembergischen Landesbühne 🙂

Die Räuber von Friedrich Schiller

Die Geschichte der „Räuber“ ist schnell erzählt. Da sind die Brüder Franz und Karl Moor, die das Leben auseinandergetrieben hat. Franz lebt bei seinem Vater und Karl ging hinaus in die Welt, um zu studieren, wurde aber schließlich Hauptmann einer Räuberbande. Karls Entwicklung ist für Franz ein guter Aufhänger, seinem Vater nahezulegen, Karl zu enterben. Diese Nachricht erreicht Karl ausgerechnet da, als er Heimweh verspürt, nicht zuletzt nach seiner Freundin Amalie. Er macht sich mit der Räuberbande auf den Weg nach Hause und erkundet inkognito die Lage. Man ahnt es schon, der Besuch führt zu Verwicklungen und – das war für Schiller vermutlich wichtig für ein Drama – vielen Toten. Wer übrig bleibt? Tsss, auch wenn man das nachlesen kann, werde ich doch das Ende nicht verraten. Immerhin wurde in der „Stunde der Kritik“ im Anschluss an die Aufführung deutlich, dass selbst ältere Menschen, also älter als ich :-), „Die Räuber“ nicht gelesen hatten.

Die Aufbereitung der Story im Theater Hagen

Karl Moor (Kjell Brutscheidt) & im Hintergrund Franz Moor (Harry Schäfer) Foto: Klaus Lefebvre/Theater Hagen

Intendant und Regisseur Francis Hüsers hat den auf das Wesentliche gekürzten Text Schillers im Original vortragen lassen – von Schauspielern in Kostümen und im Habitus unserer Zeit. Für mich wurde so noch einmal deutlich, weshalb manche Stücke Klassiker werden. Die ungewohnte Sprache passte auch zu den modernen Figuren so gut, dass ich zunächst nicht realisiert habe, dass es sich um den Originaltext handelt. Die Räuber wurden als Jugendgang dargestellt, die es in jeder Stadt gibt, manche mit Ehre und Gewissen, anderen mit der Lust am Zerstören, Verletzen und Töten. Die Mischung aus Spaß und Gewalt wurde am Anfang durch eine Videoeinspielung gezeigt, bei der die erste und eigentlich auch einzige etwas heftigere Tötungsszene zu sehen war. Ganz ehrlich, nachdem, was ich über die Inszenierung gelesen hatte, habe ich Blutlachen auf der Bühne erwartet. Ich habe diese nicht gesehen, im Gegenteil wurde das Durchschneiden der Kehle angedeutet und mit einem roten Lippenstift überzeichnet. Franz Moor (Harry Schäfer), der daheimgebliebene Sohn, soll eine Art Showmaster sein, hieß es in der „Stunde der Kritik“. Ich habe das nicht erkannt, aber es war auch nicht relevant.

Die „Räuber“ Foto: Klaus Lefebvre/Theater Hagen

Es ist der Daheimgebliebene Sohn, der frustriert ist, weil er sich – unterstützt um den Diener Daniel (Kristina Günther) um den alternden, dementen Vater kümmern muss, während sich der Bruder in der Welt herumtreibt. Diese Antriebskraft kam für mich gut rüber wie auch der Wunsch des Räuberhauptmanns Karl Moor (Kjell Brutscheidt), nach Hause zu reisen, um Heimat und Liebe wiederzutreffen. Etwas blass blieb Amalie (Tatiana Feldman), die aber für den Fortgang des Stücks auch keine zentrale Rolle spielt, vielleicht der Rolle der Frau zu Schillers Zeiten geschuldet. Sie ist ein gemeinsamer Motivator für die Brüder, Franz will sie haben, Karl will sie wiedersehen und in Franz Drängen wird dieser zusätzlich als Antiheld inszeniert. Auch der Vater (Klaus Lehmann) trug zum Inhalt des Dramas vor allem dadurch bei, dass er anwesend war und einen weiteren Anlass für Streit zwischen den Brüdern bildete. Wesentlich dominanter waren die Räuber (Robin Bohn, Raoul Migliosi, Allessandro Grossi, Yasin Boynuince), die immer wieder durch Worte, Taten und Gesten zeigten, welchen Umgang Karl Moor pflegt und warum er der eigentlich Böse in der Geschichte sein müsste. Trotzdem nimmt er die Zuschauer für sich ein, weil er ehrlich liebt und nicht aus Hass begehrt wie sein Bruder, weil er um den Vater trauert und ihn nicht wegsperrt wie Franz. Durch diese Widersprüchlichkeit werden die Zuschauer herausgefordert, sich intensiver Gedanken zu machen.

 

Die Theatermittel in der Inszenierung

Franz Moor (Harry Schäfer) Foto: Klaus Lefebvre/Theater Hagen

Ich liebe es, wenn das Bühnenbild sehr spartanisch ist, schon das hat mich vermutlich für die Inszenierung eingenommen. Klasse finde ich die Idee, das Klettergerüst, an dem sich die Räuber im ersten Akt treffen, auf die Bühne zu bringen und stetig zu erweitern. Durch die Beleuchtung entstanden dadurch Bilder, die einen gefesselt und auch mal vom Denkkonflikt abgelenkt haben. Für diejenigen, die sich von solchen Schatten- und Lichtszenarien nicht beeindrucken lassen, waren die musikalischen Einspielungen verschiedener Musikgenres, unter anderem durch Daniel K. Kurland am Klavier, und die Live-Videos durch eine Handkamera entspannend. So sehr ich Schillers Dialoge auch mag, so stark habe ich gespürt, dass es anstrengend ist, sie zu hören wie es überhaupt anstrengend ist, eine längere Zeit stillzusitzen und auf die Bühne zu schauen – 🙂 Und ich bin nur ein „Near-Digital-Native“. Ich könnte mir vorstellen, dass jüngere Menschen, die es gewohnt sind, fast immer zwei Dinge gleichzeitig zu tun, sich in eine solche Inszenierung einfinden müssen. Gerade deshalb fand ich die Verbindung zwischen Bühne und anderen Medien gelungen. Ihr merkt schon, mir hat es gut gefallen. Interessant fand ich, dass meine Sitznachbarin, ca. 15 Jahre älter ist, auch begeistert war. Aber ich traf in der Pause auch ältere Damen, die not amused waren über die Gewaltszene am Anfang und darüber, dass einer der Räuber – die über den Rang ins Spiel kamen – eine Zigarette rauchte, das sollte doch verboten sein, meinten sie. In der anschließenden Stunde der Kritik wurde das, was mir gefiel übrigens vom Profikritiker als negativ angesehen, die ZuschauerInnen waren geteilter Meinung. Am besten, ihr macht euch selbst ein Bild 🙂 © Birgit Ebbert