(07.11.2014) Beim Historischen Jahrmarkt im Februar lernte ich viele reizende Menschen kennen, unter anderem Susanne Fredebeul, die Besitzerin eines historischen Karussells, dessen Tiere es mir gleich angetan haben. Vor allem der Fuchs, der mit der Gans in der Schnauze das Weite sucht – einfach herrlich.

Vor einigen Wochen nun habe ich endlich mein Versprechen wahr gemacht und sie und ihre Pferde besucht. Es stellte sich nämlich heraus, dass Susanne nicht nur ein Karussell besitzt, sondern auch Karussellpferde sammelt. „Vermutlich hat mein Vater mich als Kind zu oft auf ein Pferdekarussell gesetzt“, begründet sie ihre Leidenschaft für alte Karussellpferde. Vielleicht ist auch damals schon der Traum entstanden, einmal selbst ein Pferdekarussell zu besitzen. Ein Wunsch, den sie sicher mit vielen damaligen Kindern teilt, aber sie hat ihn sich erfüllt und  damit zugleich die Grundlage für ein ganz neues Leben geschaffen, kann man sagen.

Begonnen hat alles Anfang der 80er Jahre, als die Zeche, auf der sie als Krankenschwester arbeitete, geschlossen wurde. Von der Abfindung hat sie sich nicht etwa ein neues Auto gekauft oder es beiseite gelegt. Sie hat sich ihren Kindheitstraum erfüllt und zunächst ein Karussellpferd und dann ein historisches Karussell gekauft.

Nun ist das mit historischen Fahrgeschäften so eine Sache. Die stehen nicht unbedingt geputzt und gewienert auf einem Flohmarkt und können sofort in Betrieb genommen werden, das habe ich ja schon im Februar von Jakob Schleiffer erfahren. Um ein soches Karussell in Gang zu bringen, bedarf es einiger Kleinarbeit und so begann Susanne Fredebeul zwangsläufig zu recherchieren, wie ihr Karussell und die Tiere ursprünglich ausgesehen hatten.

Und da sie schon bei der Recherche war, hat sie gleich weitergemacht und sich auf die Spur der Karussellpferde begeben. In den 80er Jahren, als man Telefonnummern noch in Telefonbüchern suchte. (Ich weiß das, ich habe damals meine Diplomarbeit geschrieben und war Dauergast in der Bonner Hauptpost!) Vor allem aber gab es damals noch zwei deutsche Staaten und ihr Karussell und die meisten Karussellpferde stammten aus Thüringen. Mit unglaublichem Fleiß – Susanne hat sich z. B. durch sämtliche Jahrgänge der Schaustellerzeitschrift „Komet“ seit Ende des 19. Jahrhunderts gelesen – und auch ein wenig Glück hat sie heute vermutlich die größte Sammlung an Informationen über Karussellpferde in Deutschland. Sie arbeitet gerade an einem Buch, in dem sie diese Kenntnisse und die Erlebnisse bei der Recherche zusammenbringt.

Ich glaube allerdings, dass Susanne Fredebeul nicht nur den größten Wissensschatz, sondern auch die meisten Karussellpferde besitzt. Wo man in Werkstatt, Keller und Wohnung auch hinschaut, begrüßen einen die Holztiere. Ja, es kam mir wirklich so vor, als hätten die Tiere eine Seele. Man spürt, dass sie einzeln mit viel Arbeit hergestellt wurden. Und manchen sieht man an, was sie in ihrem zum Teil 100-jährigen Dasein erleben mussten. Manche Holzbeine, erzählte Susanne Fredebeul, waren gleich mehrfach mit Blechen zugenagelt, weil sich die früheren Besitzer nicht anders zu helfen wussten, als das Bein kaputt ging. Heutige Besitzer solcher Karussells wissen, wer ihnen helfen kann. So kümmert sich Susanne Fredebeul nicht nur um ihre eigenen Pferde, deren Zahl sie selbst nicht genau kennt – ich schätze, dass ich 80 bis 100 verschiedene Pferdchen gesehen habe. In unterschiedlichem Zustand. Einige davon waren Gäste, die auf ihre Restauration warteten.

Heute sammelt Susanne Fredebeul nicht nur Karussellpferde, sie ist auch erste Anlaufstelle, wenn es darum geht, alte Pferde zu reparieren oder restaurieren. Das Knowhow dazu hat sie sich selbst angeeignet mithilfe von alten Büchern über Farben, Holzbearbeitung und was man sonst wissen muss, um die Pferde in den Zustand zu versetzen, in dem sie ursprünglich einmal waren. Dazu gehört zum Beispiel, dass die Farben richtig ausgewählt werden oder dass für die Pferdeschwänze das richtige Material beschafft wird. Doch das sind eher die schönen Kleinigkeiten beim Restaurieren. Die meiste Arbeit macht es, das Pferd von den teilweise modernen, hartnäckigen Farben zu reinigen. Eine Arbeit, die wie eine Bodenausgrabung, große Überraschungen mit sich bringen kann. „Wir haben unter der glatten Oberfläche einer mehrfachen Farbschicht bereits wunderbare Schnitzereien entdeckt“, berichtete Susanne Fredebeul und strich dem Pferdchen, an dem wir gerade standen, über den Kopf. Fast, als gehörte es zur Familie und irgendwie sind die Pferde auch Mitglieder der Familie, das zeigen die Bilder an den Wänden und das wird in jeder Geschichte deutlich, die Susanne zu erzählen weiß. Allein über ihre Erlebnisse ließe sich ein Buch schreiben.

Als Anhängerin der Kraft von Kindheitsträumen war und bin ich begeistert davon, welche Lebensfreude und welchen Lebensmut der erfüllte Kindheitstraum Susanne Fredebeul auch in schweren Stunden gegeben hat. Die Erfüllung des nächsten Wunsches ist das Buch über Karusselpferde und dann – da bin ich mir sicher – macht sie sich daran, mit dem ungeheuren Willen, den sie ausstrahlt, ein Museum als Zuhause für ihre Pferde zu gründen. Falls also jemand ein paar 100 m² Platz übrig hat und gerne ein Museum über Karusselpferde mitgründen möchte – ich stelle gerne den Kontakt her. Auf jeden Fall gehe ich ab jetzt mit ganz anderen Augen über eine Kirmes und freue mich schon auf den nächsten Historischen Jahrmarkt in Bochum. © Birgit Ebbert

Einen Einblick in die Werkstatt gibt es hier: www.moment-aufnahmen.info