(08.11.2019) Vor zwei Wochen war ich im Theater an der Volme bei der Premierenlesung des neuen Buches von Indra Janorschke alias Felicity Whitmore. Inzwischen habe ich das Buch gelesen und es nur deshalb aus der Hand gelegt, weil ich in Gotha Besuch und einiges zu erledigen hatte 🙂

Die Geschichte der vergessenen Stimmen

Keine Sorge, ich verrate nicht das Ende der Geschichte, aber ihr müsst ja grob wissen, worum es in dem Buch geht, um es evtl. auf den Weihnachtswunschzettel zu schreiben 🙂 Die Geschichte wird in drei Erzählsträngen erzählt, die in verschiedenen Zeiten, aber alle in England spielen und mit „Chastle House“ zu tun haben. In unserer Zeit lebt Dione, eine weltberühmte Sängerin, die eines Tages erkennt, dass sie nur eine Marionette in der Hand ihrer Mutter ist und sich fragt, ob sie so weiterleben möchte. Auch Katherine, die Hauptfigur des zweiten Handlungsstrangs, ist Sängerin und Tänzerin, allerdings Mitte des 19. Jahrhunderts. Man muss kein Experte für das Viktorianische Zeitalter sein, um sich vorzustellen, dass Katherines Leben nicht ohne Komplikationen abläuft. Schließlich begegnen wir im dritten Erzählstrang Anfang des 20. Jahrhunderts der jungen Frau Hatty, die durch ihr außergewöhnliches Verhalten einige Steine ins Rollen bringt. Wie diese Handlungsstränge sich zu einer Geschichte fügen, verrate ich nicht, irgendwie geht es aus 🙂 Und wer mit der Lektüre beginnt, muss nicht lange auf das Ende warten, mich zumindest hat die Geschichte so gefesselt, dass ich das Buch nicht mehr weglegen konnte. Da ist Indra Janorschke wieder eine spannende Geschichte mit neuen Facetten gelungen.

Einige Hintergründe der Geschichte

Bei der Buchpremiere hat Indra uns ein bisschen von dem verraten, was sie zu dem Buch geführt und beim Schreiben beschäftigt hat. Die Idee zu dem Buch hatte sie, als ihr auffiel, dass sich viele gute Musiker oder Musikerinnen mit Mitte 20, auf einem Höhepunkt ihrer Karriere, umbrachten oder sonstwie abstürzten. Thematisiert werden wieder wie schon in „Der Klang der verborgenen Räume“ und „Das Herrenhaus im Moor“ starke Frauen, die sich nicht mit ihrem vermeintlichen Schicksal abfinden, sondern ihren eigenen Weg gehen. Soweit es im Rahmen ihrer Geschichte möglich war, hat sie auf historische Örtlichkeiten und Gegebenheiten zurückgegriffen, z. B. auf das Alhambra, eine Art Vergnügungspalast mit unterschiedlichen Angeboten. Auch die Möglichkeiten, die Frauen in den verschiedenen Zeitaltern hatten, hat sie in die Geschichte eingebunden bzw. die Lebensweisen der verschiedenen Frauen darauf abgestimmt. Damit ist das Buch neben einem spannenden Roman zu einem Zeitbild geworden, das uns in Erinnerung ruft, dass Frauen nicht immer die Möglichkeiten und Rechte hatten, die heute alle für selbstverständlich halten.

Sprich: Ein fesselndes Buch und eine literarische Reise ins alte und neue England. © Birgit Ebbert

Und da ich meine – wenig gewordenen – Buchrezensionen gerne mit drei Fragen zum Buch verbinde, habe ich auch Indra-Felicity diese gestellt. Herzlichen Dank für diese Antworten:

1. Wie bist du auf die Idee zu dieser Geschichte gekommen?
Ich habe mich schon länger mit der Frage beschäftigt, warum so viele erfolgreiche Stars jung sterben und dazu oft „selbstverschuldet“, also durch Drogen, Medikamentenmissbrauch, Alkohol… Sie haben doch alles, was man sich wünschen kann. Geld, Erfolg, Berühmtheit, die schönsten und interessantesten Menschen um sich herum, sie können sich selbst verwirklichen, indem sie das machen, was für viele andere nur ein Hobby sein kann (Schauspielen, Singen…). Ich habe mich intensiv mit ein paar Biographien beschäftigt, in erster Linie Whitney Houston (die tatsächlich das Vorbild für Dione war) und Amy Winehouse. Und ich bin zu der These gelangt, die ich in meinem Roman auch verdeutliche (so hoffe ich jedenfalls), dass es an der fehlenden Identität liegt. Das Problem ist, dass sie oft nicht wissen, wer sie eigentlich selbst sind, weil sie von Dritten zu einem Produkt geformt wurden, was sie in ihrem Inneren aber gar nicht sind. Bei Whitney Houston war das sehr deutlich zu erkennen, die von der Plattenfirma in die Rock-Richtung gedrängt worden ist, also „weiße“ Musik gemacht hat, obwohl sie sich eigentlich viel mehr mit Jazz, Gospel und so weiter identifiziert hatte. Bei ihr kam noch hinzu, dass sie ein sehr schwieriges und ambivalentes Verhältnis zu ihren Eltern hatte (bei Amy Winehouse übrigens auch). Und all das hat eben zu der fehlenden Identität geführt und die wird in irgendwelchen Rauschzuständen gesucht. Ich hatte Dione auch noch eine Drogenkarriere andichten wollen, aber meine kluge Lektorin meinte, dass das zu viel wird und nicht zwingend nötig ist und damit hat sie wieder einmal recht behalten.
Parallel dazu brauchte ich einen Erzählstrang in der Vergangenheit, der das Künstlerdasein und damit eben auch die Frage nach der Identität (ich finde, dass das ein großes Thema für darstellende Künstler ist, denn man nimmt extrem viele Rollen ein und die Berühmtheit führt schließlich dazu, dass man auch im Leben eine Rolle spielen muss, die die Fans von einem erwarten) aufgreift. Ich finde es schön, wenn die verschiedenen Erzählstränge miteinander korrespondieren. Und da kam ich auf die ersten Music Halls und fand einen grandiosen Zeitzeugenbericht eines jungen Mannes, der 1866 zum ersten Mal im Alhambra war und geschockt war, von den lasterhaften Zuständen dort. Das war natürlich ein Geschenk und da war schon klar, mein historischer Erzählstrang beginnt genau dort: im Alhambra 1866.
Und Hatty brauchte ich als Verbindungsglied zwischen den beiden Erzählsträngen und zur Etablierung des Fluchs.

2. Sind dir bei deiner Recherche historische Frauen begegnet, deren Leben dich besonders beeindruckt hat? Wenn ja, welche?
Wie oben erwähnt, ist Whitney Houston eine historische Figut, die als Vorbild für Dione gedient hat. Außerdem hat mich Coroline Norton sehr beeindruckt, die für mehr Rechte für geschiedene Frauen gekämpft hat, aber sie ist nicht direkt in eine Figur eingeflossen.

3. Das muss ich einfach wissen: Woher nimmst du immer die ausgefallenen Namen?
Das weiß ich selbst nicht so genau. Manchmal höre ich einen Namen und weiß, dass ich ihn irgendwann benutzen werde. Ich sammele schöne Namen, die ich bei Gelegenheit benutze. Und oft schaue ich mich einfach in meiner eigenen Bibliothek um und nehme den erstbesten Namen eines Autors, auf einem der Buchrücken, der mir ins Auge springt.