(29.08.2011) Inge, die Tochter eines schlesischen Gutsbesitzers, und Wanda, das Fremdarbeitermädchen aus Polen, werden in der Geschichte Die verlorenen Schuhe am Ende des zweiten Weltkrieges auf seltsame Weise vom Schicksal zusammengeführt. Schon als beide noch auf Gut Hohenau leben, begegnen sie sich gelegentlich, Inge als Herrin, Wanda als Arbeiterin, eine scheinbar unüberbrückbare Mauer steht zwischen ihnen.

Doch dann ist von einem Tag zum nächsten alles anders. So sehr sie sich auch zu hassen scheinen, erkennen die beiden etwa gleichaltrigen Mädchen, dass sie nur gemeinsam eine Chance haben, ein neues Leben zu finden.

Auf der langen, schweren Flucht vor den russischen Besatzern in Schlesien von Gut Hohenau ins württembergische Nördlingen wandelt sich der Hass in Zuneigung, sodass selbst die Leser am Ende beinahe vergessen, dass die beiden nicht die Schwestern sind, als die sie sich ausgeben.

Gina Mayer erzählt in ihrem Buch „Die verlorenen Schuhe“, das gerade als Taschenbuch bei Ravensburger erschienen ist, eine anrührende, packende, aber auch aufrüttelnde Geschichte, in der sie viele Informationen über die Flucht der Schlesier geschickt einbindet. Sie nimmt die Leser gefangen, indem sie sie am Denken und Fühlen der Mädchen teilhaben lässt, und schreckt nicht davor zurück, auch die übelsten Erlebnisse, die gerade Mädchen und Frauen hatten, zu erwähnen. Allerdings schildert sie diese indirekt und lässt somit der Fantasie der Leser den nötigen Spielraum, um die Ereignisse zu verarbeiten.

Eine äußerst gelungene Aufbereitung der Flucht aus den ehemals deutschen Gebieten, die Jugendlichen einen neuen Blick auf die Geschichte ermöglicht.

Gina Mayer hat mir freundlicherweise drei Fragen zum Buch beantwortet: 

Wo und wie lange hast du für das Buch recherchiert?

Ungefähr ein halbes Jahr. Nachdem ich einen Verlag dafür gefunden hatte, sollte alles ganz schnell gehen, sodass ich keine Zeit hatte, nach Schlesien und Krakau zu reisen, und mir alles vor Ort ganz genau anzuschauen. Deshalb musste ich mir mit Hilfe von Bildern und Filmen eine Vorstellung von der oberschlesischen Landschaft machen. Allerdings lagen zur Zeit der Flucht im Januar 1945 auch mehrere Meter Schnee in Schlesien, – es war also ohnehin eine ganz besondere Situation.

Gab es Inge und Wanda wirklich?

Nein, ich glaube nicht. Ich habe die beiden jedenfalls erfunden, genau wie die Guthöfe (Hohenau und Tockenhof), wo die Geschichte beginnt. Die übrigen Ortschaften und Städte, durch die die Mädchen auf ihrer Flucht kommen, gibt es aber wirklich. Ich habe während der Arbeit am Buch viele Interviews mit ehemaligen Schlesienflüchtlingen geführt, diese Lebensberichte sind in das Buch eingeflossen und haben die Handlung maßgeblich bestimmt.

Hast du schon Feedback von Jugendlichen zu dem Buch? Was sagen sie?

Die Resonanz der Zielgruppe ist erstaunlich positiv. Die Jugendlichen reagieren viel interessierter und offener auf das Thema Flucht und Vertreibung als beispielsweise meine eigene Generation. Bei meinen Lesungen treffe ich oft auf Jugendliche, deren Großeltern aus Schlesien geflohen sind, und meist sind die Enkel erstaunlich gut über den Fluchtverlauf informiert. Wahrscheinlich geht die dritte Nachkriegsgeneration einfach unbeschwerter und neugieriger an das Thema heran als wir.

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