(28.04.2011) Was kann einen Schüler dazu bringen, plötzlich zu verschwinden? Diese Frage beschäftigt Eltern und Psychologen, Lehrer und Freunde und in dem Krimi „Donaugrab“ (Emons) von Lisa Graf-Riemann außerdem die Kriminalpolizei. Es ist nämlich ein Junge verschwunden – einfach so, ohne Anzeichen. Oder gab es doch Anzeichen? Ehe Hauptkommissar Stefan Meißner das herausfinden kann, taucht der Junge schon auf – als Wasserleiche in der Donau. Hat er sich umgebracht? Bei der kühlen Atmosphäre, die Stefan Meißner in dem Gymnasium, das der Junge besucht hat, entgegenschlägt, könnte die Schule durchaus ein Motiv sein. Doch so leicht ist der Fall nicht zu lösen. Während der Pathologe noch seine Arbeit tut, wird in der Tiefgarage des Gymnasiums ein Feuer entdeckt.

Die Leser wissen, wer das Feuer gelegt hat, doch die Polizei bekommt eine neue Aufgabe. Nach dem Jungen sind nun auch seine Freunde verschwunden, die, die nicht mit ihm auf das Gymnasium gewechselt sind und weiterhin die Hauptschule besuchen. Als sei das Ganze nicht schon verzwickt genug, begegnen die Leser noch einem Jugendlichen, dem geheimnisvollen Wolf. Sie ahnen schon, dass er die Jungen als Vehikel für seinen Hass auf das Gymnasium genutzt hat. Möglicherweise auch Gabriel, den toten Jungen? Wollte er Wolf verraten? Kommissar Meißner und seine Kollegin Marlu stehen vor einem großen Durcheinander, das noch dadurch erschwert wird, dass sie nicht nur eine berufliche, sondern auch eine eher chaotische private Beziehung haben. Ist es da verwunderlich, dass der Leser gelegentlich den Überblick verliert über die Jungen und die Lehrer, Meißners Frauen oder die Ufer der Donau? Wie gut, dass die Autorin nicht nur geschickt viele Fährten und Handlungsfäden gelegt hat, sondern immer wieder rechtzeitig dafür sorgt, dass sie an das große Ganze angebunden werden, damit der Leser sich nicht in dem Chaos verliert, sondern das liebenswerte Chaos rund um Kommissar Meißner und die spannende Story genießen kann.

Ich habe die Autorin Lisa Graf-Riemann gebeten, ein bisschen aus dem Nähkästchen zu plaudern und mir drei Fragen zum Buch zu beantworten.

1. Das Buch spielt im Umfeld einer Schule in Ingolstadt. Wie bist du darauf gekommen, den Krimi ausgerechnet dort anzusiedeln?
Weil mein Kommissar Stefan Meißner in Ingolstadt bei der Kripo arbeitet. Dies ist sein zweiter Fall. Der erste war die „schöne Leich“ aus der Beckerstraße 2 1/3. Es gibt 4 Gymnasien in Ingolstadt. Das Tilly ist nicht darunter. Ich habe es erfunden. Benannt nach Graf von Tilly, dem Heerführer der Katholischen Liga im Dreißigjährigen Krieg, Nach ihm ist auch ein Teil der Landesfestung Ingolstadt benannt worden, die Reduit Tilly, heute Teil des Bayerischen Armeemuseums, Tilly ist 1632 in Ingolstadt gestorben. So viel zu Meißner und Tilly.
Was habe ich mit Ingolstadt zu tun? Ich habe lange in der Nähe gelebt, für Polizeidienststellen vor Ort gedolmetscht, ich kenne Ingolstadt aus eigener Anschauung. Außerdem bin ich selbst in einer Donaustadt, nämlich in Passau, geboren und aufgewachsen. Die Donau ist sozusagen mein Heimatfluss. Wahrscheinlich habe ich Ingolstadt deshalb immer schon gemocht.

2. Warum nimmt das Privatleben von Kommissar Meißner in deinem Krimi einen so großen Raum ein?
Hm. Die Frage habe ich mir zwar selbst auch schon gestellt, sie ist mir aber noch nie gestellt worden. Ich nehme nur wahr, dass vor allem meine Leserinnen darauf ganz stark reagieren. Sie wollen wissen, wie es denn nun weitergeht mit ihm, mit Marlu, Carola und dem Baby. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Stefan Meißner mir als Figur immer schon sehr wichtig war. Er sollte ein ganzer, vollständiger Charakter sein, nicht das Abziehbild eines Ermittlers, ein supercooler Draufgänger-Typ wie er in den amerikanischen Kultkrimis herumgeistert, und nicht das einsame Superhirn, sondern eine vielschichtige, komplexe Figur. Ich mag ihn ja, mit seinen Unsicherheiten, seiner Tendenz, sich immer ein wenig zu verstecken und seiner Unentschiedenheit in Bezug auf die Frauen. Eine Leserin hat Meißner kurzerhand zum „Sozialversager“ erklärt. Soweit würde ich nicht gehen. Aber er macht sich das Leben wirklich oft selbst schwerer als es ist.

3. Du beschreibst Ingolstadt zum Teil sehr genau. Hast du zur Vorbereitung eine ausgiebige Tour durch Ingolstadt gemacht?
Ich kenne Ingolstadt und mag die Stadt. Am liebsten im Sommer, wenn die Straßencafés voll sind und die Radfahrer die Gassen unsicher machen. Wenn es im Juli und August die Sommerkonzerte gibt, wenn der Klenze-Park voller Menschen ist und die Damen in Spaghettiträger-Kleidern das Foyer des Stadttheaters als Laufsteg benutzen. Wenn alles Schwere der Stadt – die Festung, das Katholische, das Konservative – einer sommerlichen Leichtigkeit weicht, die die Menschen erfasst und mitreißt.

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