(10.07.2014) Im Vorfeld der Ausstellung „Der Berliner Skulpturenfund“ in Hagen habe ich mit Dr. Birgit Schulte gesprochen, sie ist stellvertretende Direktorin des Osthausmuseums und Milly Steger-Expertin. In mühevoller Kleinarbeit hat sie eine der 16 in Berlin gefundenen Skulpturen bestimmt. War schon das Ausgraben und Zusammensetzen der Bruchstücke der Skulpturen eine Herausforderung, so begann die wahre Tüftelei teilweise erst danach. Das gilt vor allem für die „Kniende“ von Milly Steger. Nachdem die 16 Skulpturen halbwegs erkennbar waren und sich der Verdacht erhärtet hatte, dass es sich bei dem Fund um „Entartete Kunst“ handelte, wurden Experten für die verschiedenen Künstler hinzugezogen. So auch Dr. Birgit Schulte vom Hagener Osthausmuseum als Spezialistin für Milly Steger, die in einem Haus am Stirnband lebte und den – niemals offiziell verliehenen – Status einer „Stadtbildhauerin“ innehatte.

„Als ich die Skulptur das erste Mal sah, bestand sie noch aus vielen Einzelteilen“, beschreibt Birgit Schulte den Start ihrer Bestimmung. Sie durchforstete Bestands- und Beschlagnahmelisten und fand auch das eine oder andere von Milly Steger, aber nicht eine Figur in der Größe, wie sie in der Berliner Erde gelegen hatte.

Schließlich verlegte sie sich auf eine Stilanalyse, sie verglich Material und Gestaltungsmerkmale der vorliegenden Figur mit den Charakteristiken, die für Milly Steger typisch waren. Der Verdacht, dass es sich um eine Figur der Künstlerin handelt, verdichtete sich immer mehr. Heute kann man mit einer Wahrscheinlichkeit von 98 % davon ausgehen, dass die „Kniende“ tatsächlich von Milly Steger ist. Die Restunsicherheit bleibt vor allem deshalb bestehen, weil es kein einziges Bild von der Skulptur im Ursprungszustand gibt bzw. weil bisher noch keines aufgetaucht ist.

Mir fiel schon beim Betrachten des ersten Bildes die Ähnlichkeit zu ägyptischen Figuren auf. Als ich Birgit Schulte danach fragte, verriet sie, dass gerade das ein Kriterium war, weshalb man davon ausgeht, dass es sich um Milly Steges „Kniende“ handelt. Es ist bekannt, dass Karl Ernst Osthaus ägyptische Figuren sammelte und Milly Steger durch ihn Kontakt dazu bekam und sich davon inspirieren ließ.

Eine spannende Aufgabe, finde ich, um die ich Birgit Schulte fast ein wenig beneide. Es sind übrigens solche Berichte, die aus meiner Sicht die Lektüre des Katalogs zur Ausstellung so interessant machen. Zu jedem Künstler findet sich hier eine ausführliche Beschreibung, wie das Werk zugeordnet wurde, welchen Stellenwert es im Gesamtwerk des Künstlers hat und wie möglicherweise der Weg vom „Heimatmuseum“ in das Lager in Berlin verlaufen ist. © Birgit Ebbert

Bisherige Beiträge zum Thema „Entartete Kunst“
Berliner Skulpturenfund – Entartete Kunst im Bombenschutt
Entartete Kunst – Kunstvernichtung in der NS-Zeit Teil 1
Entartete Kunst – Kunstvernichtungin der NS-Zeit Teil 2

Katalog: „Der Berliner Skulpturenfund. ‚Entartete Kunst‘ im Bombenschutt“. Entdeckung. Deutung. Perspektive. Hrsg. Matthias Wemhoff, Staatliche Museen zu Berlin. Schnell & Steiner 2012