(09.05.2014) Eine der CDs, die ich beim Autofahren höre, ist Atlantic Affairs. Es ist über 10 Jahre her, dass ich die Rockshow der Erinnerung mit Udo Lindenberg bei der Ruhrtriennale erlebt habe. Und noch immer fesseln mich die Texte von emigrierten oder von den Nazis ermordeten Dichtern, denen Udo Lindenberg mit der Show ein ganz besonderes Andenken gewidmet hat.

Am letzten Sonntag hörte ich wieder das Lied „Ein Koffer spricht“, von Tim Fischer einfühlsam und eindringlich intoniert. Ich kann den Text nicht immer hören, weil er am Beispiel eines Koffers deutlich macht, was in den Konzentrationslagern passiert ist. Man kann sich gut vorstellen, wie Koffer und Schuhe, Kinder und Eltern ratlos gewartet und bis zuletzt gehofft haben. Wer so etwas schreibt, muss das erlebt haben. Der Gedanke kam mir nicht zum ersten Mal, aber zum ersten Mal habe ich zu Hause die CD hervorgeholt und nachgeschaut, von wem der Text stammt.

Ilse Weber. Den Namen hatte ich noch nie gehört. Jahrgang 1903. Kinderbuchautorin sei sie gewesen. Mein dickes, teures Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur schweigt sich über sie aus, während ich den einen oder andern NS-treuen Geschichtenschreiber dort durchaus wiederfinde. Aber Ilse Weber wurde auch am 6. Oktober 1944 in Auschwitz ermordet. Sie war Jüdin und sie reiht sich ein in die vielen Autorinnen und Autoren, die heute vergessen sind, weil sie deportiert und getötet wurden.

Es ist nicht viel, was von Ilse Webers Werk geblieben ist. Ein Buch vereint alle Texte und Tagebucheinträge und das ist zudem noch vergriffen. Einige Gedichte findet man im Internet und sie jagen einem einen Schauer über den Rücken. Ob das in „Theresienstädter Kinderreime“ das „Rira, rutsch, wir fahren mit der Leichenkutsch“ ist oder „Das ist der Weg nach Theresienstadt“, ihre Texte beschreiben das Leben im Lager eindrücklich und nachhhaltig. Wie „Ein Koffer spricht“, in dem ein kleiner Koffer aus Frankfurt am Main seinen blinden Herrn sucht und sich fragt, wie dieser ohne den Koffer und seinen Inhalt überhaupt zurechtkommen kann.

Wer nun – wie ich gestern noch – denkt: Ilse Weber, die kennt doch niemand, dem sei gesagt: Das war einmal anders. Ehe die Nationalsozialisten ihren Eroberungszug in Europa begannen. Schon mit 14 begann Ilse Weber Märchen, Geschichten und Gedichte zu schreiben – auf Deutsch. Sie ist in Wittkowitz geboren, das zur Zeit ihrer Geburt und Kindheit noch im österreichisch-ungarischen Kaiserreich lag, weshalb Deutsch für sie eine gängige Sprache war. Sie besuchte eine deutsche Schule und half ihrer Mutter, die eine Gaststätte führte. Doch zwischendurch schlich sie sich fort, um Kurzgeschichten, Theaterstücke und Gedichte zu schreiben, die bald darauf in deutschsprachigen Zeitungen und Verlagen erschienen.

Bis zu ihrem Tod schrieb Ilse Werner, auch als sie längst eine Familie hatte und mit ihrem Mann und ihren Kindern Tomás und Hanuš zusammenlebte. Ihren älteren Sohn Hanuš konnte sie vor ihrer Deportation noch mit auf einen Transport nach England schicken. Ihr kleiner Sohn Tomás starb mit ihr im Konzentrationslager Auschwitz, als sie glaubte, ihr Mann würde vergast und freiwillig in die Gaskammer ging. Das war am 6. Oktober 1944, vor fast 70 Jahren, in denen man kaum etwas über sie erfahren hat. Wie schön, dass Udo Lindenberg diesen Text ausgewählt hat, um ihr ein wenig Nachruhm zu schenken. © Birgit Ebbert

Weitere Gedichte von Ilse Weber zum Nachlesen und Anhören auf der Seite von Bente Kahan

Erinnerung an Ilse Weber im Theresienstadt-Lexikon

Gedichte, die bei der Eröffnung der Ausstellung „KZ Theresienstadt“ in der Gedenkstätte Zellentrakt in Herford (PDF-Dokument)