(28.08.2019) Der Park von Schloss Friedenstein ist für mich so etwas wie ein zweites Zuhause geworden, hier entspanne ich mich zwischen zwei Schreibphasen, hier sammle ich Ideen oder schaue einfach nur zu, was Menschen und Tiere machen. Dass ich dabei nicht nur im Grün unterwegs bin, sondern in einem Natur-Raum, der von Landschaftsarchitekten vor Jahrhunderten konstruiert wurde, hätte ich nicht gedacht. Seit ich an einer Parkführung mit dem Gothaer Landtagsabgeordneten Matthias Hey teilnehmen durfte, sehe ich diesen Park und alle anderen mit ganz neuen Augen.

In der Orangerie geht es los

Ich gebe zu, ich gehörte zu denen, die dachten, eine Orangerie sei ein Gebäude und der Park davor müsste irgendwie anders bezeichnet werden. Weit gefehlt, die Orangerie ist der Park, das Gebäude das Orangenhaus, in dem die Orangenbäumchen und andere kälteempfindliche Pflanzen überwinterten. Deshalb waren die Fenster des Gothaer Orangenhauses auch bereits Mitte des 18. Jahrhunderts doppelverglast! Zu jener Zeit etwa ließ Friedrich II die Orangerie anlegen, die nicht – wie ich dachte – zu Schloss Friedenstein gehörte, sondern zu dem kleinen Schlösschen gleich gegenüber. Schloss Friedrichsthal, das ein kleines Ebenbild von Versailles darstellt. Damit die Besucher, wenn sie aus Klein-Versailles kommen nicht gleich Schloss Friedenstein sehen, hat man einen Erdwall aufgehäuft, der die Gärten trennt. Obendrauf wurde eine Balustrade gesetzt, von der aus man einen herrlichen Blick über den barocken Garten hatte, in dem 2.500 Kübelpflanzen standen – heute sind es noch 250, es gibt ja auch keinen Herzog mehr, der das alles finanziert 🙂

Und dann der englische Landschaftsgarten

Wenn man sich an der Orangerie sattgesehen hat und sich umdreht, schaut man in einen Park, der unendlich erscheint. Obwohl Schloss Friedenstein auf dem Berg thront, ist es kaum zu sehen. Wohin man schaue sind Bäume, Sträucher und Wiesen. Dieser Eindruck ist nicht zufällig, sondern gewollt, das ist die Idee der englischen Landschaftsparks, so klein sie auch sein mögen, sei erwecken den Eindruck, als befinde man sich in einem riesigen Naturreservat ohne künstliche Wege, Bänke und ähnlichen Menschentand. Heute gibt es in dem Park natürlich Bänke, aber je nachdem, woher man geht, kann man noch die Idee der Gärtner vor 250 Jahren erleben. Baumpaare bilden Fenster, die einen Blick ins unendliche Grün zeigen, Rasenflächen sind so angelegt, dass die Wege in der Ferne nicht zu erkennen sind und das sonst weithin sichtbare Schloss ist hinter Bäumen versteckt. Die Bäume wurden nicht, wie man denken könnte, als Schößlinge eingepflanzt, sondern aus der Umgebung und teils sogar aus Übersee in der erforderlichen Größe herangeschafft. Ich war sehr beeindruckt, dass die beiden Zypressen, die eine Art Tor zum unteren Teil des Parkes bilden, aus dem Jahr 1787 stammen und aus Kanada hergeschafft wurden.

Der geheime Garten der Illuminaten

Ganz besonders viele Gedanken haben sich die Landschaftsarchitekten über den Park hinter dem Herzoglichen Museum gemacht. Federführend war Ernst II von Sachsen-Gotha-Altenburg, von dem man weiß, dass er Illuminat war. Die Geschichte der Illuminaten müsst ihr woanders nachlesen, das ist ein extra Thema, wenn auch sehr spannend. Im Park wurden durch die Art der Bepflanzung und die Gestaltung des Teichs samt Insel Grundgedanken der Illuminaten symbolisiert, die auch unabhängig von dem Geheimclub oder -orden wichtig sind. Die Bäume zum Beispiel wurden so angepflanzt, dass es Wechsel von Schatten und Licht auf dem Weg rund um den See gibt. So ist das Leben, ein Wechsel von hell und dunkel, Schatten und Licht, faszinierend, oder? Genau wie der Gedanke, dass man nichts auf den ersten Blick vollständig erfassen kann. Ein Beispiel dafür ist die Insel im Teich, die man – und das habe ich jetzt mehrmals überprüft – wirklich von keiner Uferstelle vollständig erkennen kann. Erst, wenn man den Teich einmal umrundet hat, wird einem klar, dass es eine Insel ist. Wenn das ein Grundprinzip der Illuminaten war, dann wünsche ich mir, dass heute alle Menschen Illuminaten werden und erst eine Meinung äußern, wenn sie ein zweites oder drittes Mal hingeschaut haben. Wieso fällt mir dabei die Diskussion über den angeblichen Überfall in einem Düsseldorfer Freibad von angeblichen Nordafrikanern ein. Was haben alle gewettert – über nichts, wie sich herausstellte, nachdem die Überwachungskameras ausgewertet wurden. In solchen Fällen wünsche ich mir auch von Journalisten einen zweiten Blick und vor allem vernünftige Recherche, wie ich das mal gelernt habe.

Apropos Recherche, natürlich habe ich recherchiert, was es mit den Illuminaten auf sich hatte. Erst im letzten Jahr hatte ich in einem Kinderbuch über sie gelesen, ich war schon damals fasziniert, fand allerdings, dass das jetzt kein vordringliches Thema für ein Sachbuch für Grundschüler sei. Wäre in dem Buch auf die Grundideen hingewiesen worden, hätte ich das vielleicht anders gesehen. Bei meiner Recherche fand ich auch einen sehr lesenswerten ZEIT-Artikel über den Gang mit Matthias Hey durch den Mysteriengarten. Wer also mehr wissen möchte, kann es hier nachlesen – oder natürlich nach Gotha kommen, es kann allerdings sein, dass die Rundgänge in diesem Sommer ausgebucht sind, da mancher den Besuch im Ekhof-Theater mit einem Rundgang kombiniert. Eine gute Idee, für den nächsten Sommer, denn die Ekhof-Festspiele sind fast vorbei. Aber man kann ja nicht früh genug mit der Urlaubsplanung beginnen 🙂 © Birgit Ebbert