(20.08.2014) Für meine Dissertation habe ich mich bereits vor über 20 Jahren mit dem Leben der Jugendlichen in der NS-Zeit beschäftigt. Deshalb war ich besonders gespannt auf dieses Buch meiner Kollegin Anja Tuckermann, die das Thema für die Arena Bibliothek des Wissens aufbereitet hat.

Mein Fazit vorweg: Es ist ihr sehr gut gelungen, die Not, das Leid und den Wahnsinn jener Zeit wiederzugeben. Ihre Mischung aus Sachtext und Zitaten aus historischen Quellen oder von Zeitzeugen fesseln den Leser und bringen ihm die für uns nur schwer vorstellbare Zeit nahe.

Obwohl ich mich intensiv mit der Zeit beschäftigt habe, habe ich doch das eine oder andere neue Detail erfahren und bei der Lektüre nebenbei Informationen für ein neues Romanprojekt, für das ich derzeit recherchiere, mitgenommen.

Anja Tuckermann beschreibt zunächst die Zeit vor der Machtübernahme, um den jugendlichen Lesern, an die sich ihr Buch richtet, zu vermitteln, wie es in Deutschland damals zuging. Auch Hitlers Geschichte spart sie nicht aus inkl. den absurden und leider am Ende erfolgreichen Versuchen, ihn in Deutschland einzubürgern, damit er für die NSDAP kandidieren konnte.

In dem Kapitel 1933 bis 1935 erfahren die Leser, wie sich der nationalsozialistische Gedanke still und heimlich in den Alltag und das Leben schlich, über tendenziöse Rechenaufgaben hin zur Pflichtmitgliedschaft in einer der Jugendorganisationen der NS.

Ab 1935 nimmt die Verfolgung der Juden immer mehr zu, aber es gibt auch erste Gruppen, die Widerstand leisten – auch über dieWeiße Rose hinaus. Sowohl Einzelpersonen als auch Gruppen engagierten sich gegen die NS-Politik und für die Verfolgten des NS-Regimes.

Schließlich geht die Autorin auf das Leben der Jugendlichen im Krieg ein, was es bedeutet, wenn der Vater Soldat wird, dass es jugendliche Zwangsarbeiter gab und ebenfalls junge Menschen, die ihr Leben dafür gaben, sich gegen den Krieg zu engagieren.

Ein Buch, das natürlich auch bedrückt, weil es eine Zeit beschreibt, die nicht heiter war, das aber ebenso fesselt, weil es zeigt, dass es auch damals Menschlichkeit gab und weil die zitierten Personen im Alter der Leser waren, als sie sich mit NS- und Kriegsalltag auseinandersetzen mussten. Sehr empfehlenswert!

Ich wollte von Anja wissen, was sie bewogen hat, dieses Buch zu schreiben und woher sie ihre Informationen bekommen hat und danke ihr für die folgenden Antworten.

1. Wie kamst du auf die Idee für das Buch?
Ich wollte die Nazizeit für Jugendliche mit den Stimmen von Jugendlichen erzählen.
Ein Sachbuch schreiben, das sich deutlich von Schulbüchern unterscheidet. Und das man lesen kann wie einen Roman. D. h. es sollten Spannung und Emotionalität darin sein.
Wichtig ist mir, eine echte Verbindung zu heute herzustellen, d. h. zum Erkennen – auch im heutigen Alltag -, wie man früher manipuliert wurde und wie es heute noch geschieht. Wie leicht es ist, uns Menschen (und besonders in Gruppen) zu manipulieren und dass man tagtäglich aufmerksam sein muss.

2. Wo und wie hast du für das Buch recherchiert?
Viele der Menschen, deren Stimmen im Buch vorkommen, kenne oder kannte ich persönlich und hatte sie z. T. schon vor der Arbeit am Buch einmal interviewt. Zu Frage 1: Ich wollte in dem Buch auch einmal all die Menschen zu Wort kommen lassen, die ich kenne und die noch in keinem Buch vorkamen.
Ich bin auch nach Polen und in die Niederlande gereist, um nachzufragen.

3. Welche Begegnung im Zusammenhang mit dem Buch hat dich besonders berührt?
Ad Hoogendoorn,
Henryk Szkrypinski,
die geraubten Kinder, Barbara und Ingrid.
Dass Ester P. die Erlaubnis gab, ihre Geschichte zu drucken.
Und Ceija Stojka, die über die jungen britischen Soldaten sprach.
Wenn man sich die Absurdität vorstellt, in einem Club heute ein Schild aufzuhängen, z. B.: Zu Hiphop tanzen verboten, mit allen mörderischen Konsequenzen.
Dass Hartmut so offen und reflektiert erzählte.

Vielen Dank und wer mehr über Anja Tuckermann und ihre Bücher erfahren möchte, findet das hier: www.anjatuckermann.de