(16.01.2015) Wer sich für die Kunst der Moderne interessiert, dem ist der Name Alfred Flechtheim ein Begriff. Dass der Kunstsammler und Galerie allerdings gebürtig aus Münster stammt und sich als Westfale fühlte und nicht – wie man es ihm schon im ersten Weltkrieg vorwarf – als Jude, wusste ich nicht. Wie schön, wenn einen Ausstellungen auch immer wieder motivieren, sich mit einem Menschen zu beschäftigen. Und genau das war auch das Ziel der Kölner Galeristin Claudia Cosmo, als sie im letzten Jahr Künstler aus ihrem Umfeld aufforderte, sich künstlerisch mit Alfred Flechtheim zu beschäftigen. Sie wollte den Mann, der als einer der wichtigsten Kunstförderer aus der Zeit vor dem Nationalsozialismus gilt, ein eigenes, persönliches Denkmal setzen durch eine Ausstellung heutiger Künstler, die sich auf ihre Weise mit Flechtheim beschäftigen.

Die Ergebnisse sind seit gestern im Osthausmuseum zu sehen, eigens für die 33 Kunstwerke und einige Exponate wurde der Christian Rohlfs-Raum leer geräumt. Bis zum 15. März können Besucher dort erahnen, wie Flechtheim sich von Kunst hat inspirieren, leiten und entspannen lassen. Neben den Bildern, die ähnlich gehängt wurden wie vor 80 Jahren die Werke in Flechtheims Wohnung, finden sich in dem Raum nämlich auch ein Sessel in der Möbel-Anmutung der 30er Jahr und ein Kronleuchter. Zusammen mit der grau-grünen Wand, die die Wandbespannung aus Stoff imitiert, versetzen die Exponate einen in die 30er Jahre, als die Werke der heute hoch gehandelten Künstler wie van Gogh, Cézanne, Dega, Maisse, Macke und all die anderen, deren Werke Flechtheim verkauft und gesammelt hat, so neu und unbekannt waren wie die Bilder und Installationen in der Ausstellung.

Es ist erstaunlich, dass die Künstler, obwohl sie keine Vorgabe hatten, außer zwei Werke zu Flechtheim zu schaffen, in der Summe ein Gesamtbild ergeben, dass Flechtheims Leben zwischen Kunst, Krieg, Geldsorgen, Verfolgung und Vertreibung ebenso widerspiegeln wie die Vielfalt der Künstler, die er vertreten hat. Selbst seine Frau Betty, die Alfred Flechtheim mit ihrem Vermögen erst half, seinen Lebenstraum zu verwirklichen und die sich 1941 am Tag vor ihrer Deportation umgebracht hat, erhält ihren Platz in der Ausstellung. Über jeden der 17 Künstler etwas zu schreiben, würde den Umfang eines Blogbeitrags sprengen, es lohnt sich einfach, das „Zimmer für Alfred Flechtheim“ aufzusuchen und dort zu verweilen. Ich habe auch heute nur Bilder und Skulpturen gesehen und hatte keine Zeit, die Video-Dokumentation anzuschauen, für die der Leipziger Künstler Carsten Tabel mehrere Monate YouTube-Videos mit Statements zur modernen Kunst gesichtet hat. Man ahnt schon, was dabei herauskam, wenn der Titel lautet „Could have done this“. Erst kürzlich habe ich das wieder von einer jungen Frau mit Abitur gehört, von der man erwarten sollte, dass sie sich mit der Bedeutung von Kunst befasst hat. Carsten Tabel hat solche öffentlichen Meinungen zusammengetragen – da bin ich gespannt, was man sonst noch sozu hören bekommt.

Neben dem Video von Carsten Tabel sind Werke zu sehen von Martin Claßen, Oiver Czarnetta, Lenz Geerk, Jörg Herold, Bernd Hoffmann (aber nicht „unserem“ Bernd aus Haspe, sondern einem anderen aus Köln und Schlebusch), Leiko Ikemura, Andrea Lehmann, Rosa Loy, Paolo Maggis, Jonathan Meese, Thomas Palme, Heike Ruschmeyer, Katharina Schilling, Tina Schwarz, Jonny Star und Feridun Zaimoglu. Die Werke, die zu sehen sind, wurden bisher nur in der ersten Station von Flechtheims Zimmer in der Galerie Rompone von Claudia Cosmo gezeigt. Von Hagen aus werden die Exponate weitergereicht nach Berlin und Basel – da befindet sich Hagen in guter Gesellschaft, finde ich. Zumal das Osthausmuseum bzw. Karl Ernst Osthaus einen persönlichen Kontakt mit Alfred Flechtheim pflegte, die beiden sich bei der Realisierung der Kölner Sonderbund-Ausstellung 1912 wiederholt begegneten und sich auch sonst über Kunst und Künstler austauschten.

„Flechtheim“ 2014 von Bernd Hoffmann

Alfred Flechtheim wurde am 1. April 1878 in Münster geboren, er hatte Galerien in Düsseldorf, Köln, Berlin, Frankfurt und Wien. Schon ehe die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war er Anfeindungen ausgesetzt, weil er Jude war und Künstler vertrat, die nicht zum Weltbild der NS passten. Bereits 1933 musste er seine Galerie abgeben, er floh nach London, während seine Frau in Berlin blieb und über die private Kunstsammlung wachte. Die wurde immer kleiner, weil Flechtheim Werke verkaufen musste, um zu überleben. 1937 starb er mittellos in London. Seine Frau Betty lebte bis 1941 in Berlin, wo sie sich am Tag vor ihrer Deportation das Leben nahm. In Berlin erinnert ein Stolperstein an Flechtheims Ehefrau, es ist schön zu sehen, dass sie auch in „Ein Zimmer für Alfred Flechtheim“ einen Platz hat und beide nicht in Vergessenheit geraten. Zu viele werden vergessen. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen auf der Seite des Osthausmuseums
Informationen über die Kuratorin der Ausstellung Claudia Cosmo

Internetseite des Arbeitskreises Alfred Flechtheim