Karel Niestrath „Die Einfältigen“ 1924 – Skulpturenfund

(02.07.2014) Seit dem 29. Juni ist im Osthausmuseum die Ausstellung „Der Berliner Skulpturenfund – Entartete Kunst im Bombenschutt“ zu sehen. Eine wirklich spannende Geschichte, das wurde in dem Vortrag von Dr. Meike Hoffmann bei der Ausstellungseröffnung deutlich. Meike Hoffmann arbeitet bei der Forschungsstelle Entartete Kunst der FU Berlin, sie ist also DIE Expertin in Sachen „Entartete Kunst“, das wurde bei ihrem Vortrag und auch bei dem kurzen Interview, das ich mit ihr geführt habe, um einige für mich offene Fragen zu klären, deutlich.

Hitler hatte von Anfang an vor, Kunst und Kultur in den Dienst seiner Sache zu stellen, er hatte sich dafür vier Jahre gegeben. Wie wir wissen, sind ihm im Bereich Literatur die Studenten und Universitäten hilfreich zur Seite gesprungen, sodass er sein Ziel dort schneller erreicht hat als bei der Kunst. 1937 aber geriet dann die Kunst ins Visier. Es gab auch vorher schon Ausstellungen „Entartete Kunst“, aber 1937 begann die für die Nazis so typische systematische Bearbeitung des Themas. Es gab die Ausstellung „Entartete Kunst“ in München und vor allem fanden in allen öffentlichen Museen und Kunsteinrichtungen Beschlagnahmungen statt. Dazu reiste eine Kommission aus Berlin durch die Lande und begutachtete – häufig unterstützt von nationalsozialistisch eingestellten Museumsleitern – die Kunstwerke. Bis zu den Beschlagnahmeaktionen 1937 waren nahezu alle Leitungspositionen von Parteimitgliedern besetzt. Dennoch hat es einige Museumsleiter oder auch Mitarbeiter gegeben, die versuchten Werke zu retten oder sich sogar weigerten, der Kommission zu helfen wie der Leiter der Nationalgalerie in Berlin, Eberhard Hanfstaengl.

Marga Moll „Tänzerin“ um 1930 – Skulpturenfund

Jedes Kunstwerk wurde danach bewertet, ob es als „entartet“ einzustufen wäre, was vor allem hieß, dass es nicht der NS-Ideologie entsprach. Einen festen Kriterienkatalog für die Auswahl gab es bei den Begehungen nicht. Nachdem sich jedoch zeigte, dass die Besucher der Ausstellung „Entartete Kunst“ den Sinn und Bezug zu den NS-Gedanken nicht richtig verstanden, wurde im nachträglich erstellten Katalog definiert, aus welchen Gründen die Kunst „entartet“ wäre:
Gruppe 1: Werke, die ihre Sujets deformierend und unrealistisch zeigen
Gruppe 2: Werke, die zwar religiös sind, allerdings nicht im traditionellen Sinne
Gruppe 3: Werke, die zum Klassenkampf aufrufen
Gruppe 4: Werke, die den Krieg kritisch darstellen
Gruppe 5: Werke, die Frauen „verhöhnen“, weil sie nicht dem Nazi-Frauenbild von der braven, fleißigen Mutter entsprechen
Gruppe 6: Werke, die nicht dem Rassenbild der Nazis entsprechen
Gruppe 7: Werke, die wirken, als seien sie von psychisch Kranken geschaffen
Gruppe 8: Werke jüdischer Künstler
Gruppe 9: abstrakte Werke
(Seite mit dem Wortlaut der Katalog-Einführung)

Man kann davon ausgehen, dass diese Aspekte auch in die Auswahl bei den Beschlagnahmungen eingeflossen sind. Die über 20.000 beschlagnahmten Werke wurden nach Berlin geschafft und dort an verschiedenen Stellen gelagert. Erst jetzt begann man, sich Gedanken über die Nutzung zu machen, weil die Anzahl der Werke deutlich über das hinausging, was man zur Erweiterung der Ausstellung in München benötigte. Dazu berief Goebbels eine Verwertungskommission ein, die Wege finden sollte, aus den Bildern Geld zu machen. Die Verwertungskommission teilte die Bilder in sechs Gruppen ein:

Otto Baum „Stehendes Mädchen“ 1930 – Skulpturenfund

In Gruppe 1 befanden sich international verwertbare Kunstwerke, die über vier legitimierte Kunsthändler (Bernhard A. Böhmer, Karl Buchholz, Hildebrand Gurlitt, Ferdinand Möller) und eine Auktion am 30.6.1939 verkauft wurden bzw. werden sollten, nicht alle Kunstwerke fanden Käufer.

Etwa 150 Bilder der Gruppe 2 wurden an ihre ehemaligen Besitzer zurückgegeben, zum Beispiel weil es Leihgaben waren wie von Emil Nolde oder weil es Menschen gab, die sich für die Rückgabe engagiert haben wie die ehemaligen Soldaten-Kollegen von Franz Marc, die sich für seine Werke verwendeten, weil er im ersten Weltkrieg für Deutschland gefallen ist.

Gruppe 3 bildete ein Sonderbestand, der im Propagandaministerium aufbewahrt wurde und weder zum Verkauf noch für die Ausstellung bestimmt war. Was damit genau geschehen sollte, ist noch immer nicht geklärt.

Die Ausstellungsexponate bildeten die Gruppe 4, sie waren zunächst in Deutschland bzw. im Deutschen Reich unterwegs und wurden nach dem Anschluss Österreichs auch dort gezeigt. Verantwortlich für die Ausstellung war das Institut für Deutsche Kultur- und Wirtschaftspropaganda.

Der Grafikbestand des Berliner Kupferstich-Kabinetts bildete die Gruppe 5, die Werke waren ursprünglich für eine weitere Ausstellung in München gedacht, die nicht mehr realisiert wurde.

Schließlich gab es restliche Kunstwerke, etwa 5.000, die als unverwertbar galten und im März 1939 in der Berliner Feuerwache unter Ausschluss der Öffentlichkeit verbrannt wurden. Welche Werke genau dort in Flammen aufgingen, ist nicht sicher, bis heute sind laut Dr. Meike Hoffmann etwa 150 Werke aufgetaucht, die vermeintlich verbrannt wurden.

Am 30. Juni 1941 wurde die Verwertungsaktion offiziell beendet, danach musste alles nach Berlin geschickt werden, es waren etwa 4.500 Werke, die zu dem Zeitpunkt noch vorhanden waren und an verschiedenen Orten aufbewahrt wurden. Unter anderem in dem beschlagnahmten mehrstöckigen Haus einer Jüdin. Im Bombenschutt dieses Hauses wurden 2010 die Skulpturen gefunden, die noch bis zum 21. September im Osthausmuseum zu sehen sind.

Der Artikel basiert auf Vortrag von und Interview mit Dr. Meike Hoffmann, Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der Freien Universität Berlin. Vielen Dank! © Birgit Ebbert

Entartete Kunst – Kunstvernichtung in der NS-Zeit Teil 1