(23.06.2014) In der NS-Zeit hatten es nicht nur Schriftsteller, deren Bücher verbrannt und verboten wurden, schwer. Auch manche Kunst war den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. Deshalb habe ich gleich aufgemerkt, als ich Anfang des Jahres las, dass die Ausstellung „Der Berliner Skulpturenfund – Entartete Kunst im Bombenschutt“ nach Hagen kommen würde. Im März wurde ich an die Ausstellung auf kuriose Weise erinnert. Das Museum in der Kaiserpfalz Paderborn nahm Kontakt mit mir auf wegen eines Fotos, das ich in dem Blogbeitrag über den Kunstgenuss vom Schreibtisch aus verwendet hatte. Es zeigt die Büste Friedrich Eberts, die von Karel Niestrath entworfen wurde. Erst dadurch wurde ich darauf aufmerksam, dass die Ausstellung im Osthausmuseum nicht nur „Entartete Kunst“ zeigt, sondern einen direkten Bezug zu Hagen hat. Meine Neugier war geweckt und ich begann, mich in den Katalog einzulesen und meine Unterlagen zur „Entarteten Kunst“ wieder hervorzukramen. (Bild: Christian Rohlfs „Hexe und Rabe“ 1913/14)

Dr. Birgit Schulte, die stellvertretende Leiterin des Osthausmuseums war bereit, mir einige Fragen zu dem Thema zu beantworten. Die wichtigste Erkenntnis, die ich aus dem Gespräch mitgenommen habe ist, dass „Entartete Kunst“ zwei Bedeutungen an. Für mich, als interessierte Kunstliebhaberin, bezeichnet entartete Kunst einfach das, was den Nazis nicht gefallen hat, was nicht ihrem ihren Idealen entsprach. Punkt. Vor allem Werke des Expressionismus, Dadaismus, Kubismus oder der Neuen Sachlichkeit und alles, was sich kritisch mit dem Krieg oder den aktuellen Zuständen beschäftigte oder nicht dem Frauenbild entsprach. Ob diese Werke nun in einer Liste auftauchen oder nicht, ist für mich nebensächlich. Deshalb speichere ich auch nicht einzelne Werke, sondern Künstler ab. So ordne ich zum Beispiel die Werke von Franz Marc (Bild links „Schöpfungsgeschichte I“ 1914), Otto Dix, Karl Schmidt-Rottluff, Paul Klee, George Grosz, Max Beckmann als „von den Nationalsozialisten als entartet angesehen“ ein.

Das ist – wie ich heute weiß – nicht ganz korrekt, denn die Nationalsozialisten haben nicht die Künstler als „Künstler entarteter Werke“ oder ähnlich bezeichnet, sondern wirklich nur Werke ausgewählt. Über 20.000! Bei der Bücherverbrennung war das anders, in den Schwarzen Listen tauchten nur gelegentlich Buchtitel auf, sondern die Namen der Schriftsteller und damit wurde ihr ganzes Werk als unpassend eingeordnet. Für die Kunst bedeutet das, dass relativ überschaubar ist, was „Entartete Kunst“ ist und es gibt sogar eine Datenbank, in der alle diese Kunstwerke aufgeführt sind.

Diese Konkretisierung ist deshalb möglich, weil die Aktion rund um die „Entartete Kunst“ sich ausschließlich auf öffentliche Museen und Einrichtungen beschränkte. Es gab keinen Aufruf, dass jeder Bürger Kunstwerke bestimmter Künstler abgeben sollte – wie bei der Bücherverbrennung. Stattdessen wurden Kommissionen gebildet, die sämtliche öffentlichen Museen besuchten und dort vor Ort entschieden, welche Kunstwerke als „entartet“ beschlagnahmt wurden. So kam es zu Widersprüchen wie den, der mich bei der Lektüre des Katalogs zur Ausstellung „Entartete Kunst im Bombenschutt“ irritiert hat. Dort wird nämlich erwähnt, dass das „Bildnis der Schauspielerin Anni Mewes“ von Edwin Scharff in der Baugrube gefunden, also beschlagnahmt wurde, es allerdings in der Kunsthalle Mannheim ein weiterer Bronzeguss vorhanden ist. Auch die Mitglieder der Kommissionen waren sich also nicht einig, was genau „entartet“ war. In Hagen beispielsweise wurden nicht alle Werke Rohlfs beschlagnahmt, von Milly Steger durfte der „Schmied“ (siehe oben) bleiben, aber andere Werke nicht.

Hitler hat in dem Parteiprogramm der NSDAP übrigens bereits Jahre vor seiner Machtübernahme erklärt, dass gesetzlich gegen „eine Kunst- und Literaturrichtung, die einen zersetzenden Einfluß auf unser Volksleben ausübt“ (zit. n. Ausstellungskatalog S. 38) vorgegangen werden muss. Der Begriff „zersetzend“ wird auch in den Folgejahren oft im Zusammenhang mit Literatur, Kunst und Musik verwendet. Gemeint waren Kunstwerke, die kritisch waren, die Wirklichkeit nicht schön und geradlinig abbildeten, vor allem die Werke moderner Strömungen und natürlich Kunst von jüdischen oder sonstwie unliebigen Künstlern. Die Definition ist ein wenig schwammig. Sie spiegelt aber genau das wider, was in den 30er Jahren vor sich ging. Goebbels war zum Beispiel die Triebkraft bei der Beseitigung „Entarteter Kunst“ aus den staatlichen Museen, gleichzeitig sammelte er selbst Kunst und darunter durchaus auch das eine oder andere, das offiziell als „zersetzend“ galt. (Bild: Christian Rohlfs „Bergpredigt“ 1916)

Um sich einen Eindruck von dem zu verschaffen, was die Nazis als „entartet“ ansahen, empfiehlt es sich, in der Datenbank „Beschlagnahmeinventar Entartete Kunst“ zu stöbern.

Der Begriff „entartet“ stammt im Übrigen nicht von den Nationalsozialisten, auch wenn er so treffend ihre Sicht beschreibt. Schon der Romantiker Friedrich Schlegel bezeichnete damit Literatur, die ihm nicht gefiel.

Die Ausstellung „Der Berliner Skulpturenfund. Entartete Kunst im Bombenschutt“ wird ab dem 29. Juni im Osthausmuseum zu sehen sein. Fortsetzung folgt also. © Birgit Ebbert

Mein Artikel über „75 Jahre Ausstellung Entartete Kunst in München“ auf www.schulbuchzentrum-online.de