(20.04.2015) Als ich mich mit meiner Steampunk-Figur beschäftigte, tauchte die Frage auf, womit eine Schriftstellerin im 19. Jahrhundert geschrieben hat. Mit einem Fineliner, den ich heute bevorzuge, wohl kaum. Ich erinnere mich, dass im Litereraturmuseum in Marbach Schriften sowohl mit Bleistift als auch mit Tinte zu finden waren. Einen Bleistift finde ich etwas langweilig, also habe ich mich auf die Schreibfeder besonnen. Schnell zeigte sich, dass die Metallfeder, die wir heute nutzen, erst Ende des 19. Jahrhunderts erfunden wurde.Die Bearbeitung einer Vogelfeder zur Schreibfeder wirkte im Internet ziemlich kompliziert und so richtig zündend fand ich die Idee mit einer Vogelfeder zu schreiben auch nicht. Erst recht nicht, nachdem ich las, dass Schreiber davon bis zu fünf am Tag verbraucht haben.

Den rettenden Hinweis bekam ich von Danica Fendel auf dem Jahrmarkt anno dazumal in Kommern. Sie hat dort zusammen mit Carsten Fendel ausgestellt, Crimson Feather heißt ihr Unternehmen, das sich u. a. speziell mit Schreibutensilien früherer Zeiten beschäftigt. Die verkaufen die beiden sowohl im Internet als auch auf Jahr- und Mittelaltermärkten. Von ihnen erfuhr ich, dass man im 19. Jahrhundert nicht nur mit Gänsefederkielen, sondern auch mit Glasfedern schrieb. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nie von Glasfedern gehört, die häufig auch als „venezianische Glasfedern“ bezeichnet werden. Dabei ist gar nicht letztlich geklärt, ob die Federn, die aus zwei schmalen Glasstäben hergestellt werden, wirklich in Italien erfunden wurden. Im 19. Jahrhundert wurde in verschiedenen Ländern nach einer Alternative zu Gänsekielfedern gesucht. Man kann es sich vorstellen, wenn ein Schreiber am Tag fünf Federkiele benötigte, dass der Bedarf in die Millionen ging. Da mussten schon einige Gänse geschlachtet werden.

Glasmacher in Japan, Amerika und Deutschland suchten nach einer haltbaren Alternative. Schließlich gelang es den Thüringer Glasbläsern, ein Gerät zu entwickeln, mit dem man auf verschiedenen Materialien schreiben konnte, ohne dass die Spitze abbrach. Bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts lösten sie die Gänsekielfedern ab, wurden aber bald von den Metallfedern verdrängt. Vermutlich ein Grund dafür, warum man heute Gänsekielfedern und Metallfedern kennt, aber selbst Menschen, die sich für Schreiben interessieren, oft nicht wissen, dass es Glasfedern gab. Und dabei sind die heutigen nicht nur schön, es lässt sich auch wunderbar damit schreiben. Ich bin schon wieder gefährdet, eine neue Sammlung aufzubauen. In jedem Fall übe ich schon, mit der Feder zu schreiben, damit ich in meiner Steampunk-Rolle passend Notizen machen kann. Dabei habe ich schon festgestellt, dass es egal ist, welche Tinte man nutzt, wichtiger ist es, auf das Papier zu achten. Bei manchem 80g-Papier verläuft die Tinte und teilweise geht sie sogar durch das Blatt. Deshalb nutze ich gerade meine alten Visitenkarten beim Schreibtraining.

Ja, Schreibtraining! Ich hatte die Idee, nicht nur ein zeitgemäßes Schreibgerät zu nutzen, sondern auch die Schrift jener Zeit. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts hat man Kurrent-Schrift geschrieben, die ähnlich aussieht wie die später übliche Sütterlin-Schrift, allerdings ist die Kurrent runder und lässiger als die sehr regelmäßig wirkende Schrift, die Herr Sütterlin vor 100 Jahren, 1911, um genau zu sein, als Standardschrift aus der Kurrentschrift entwickelte. Um mich in die Zeit, die dem Steampunk zugrundeliegt, einzudenken, schreibe ich nun Zitate aus jener Zeit mit meiner Schreibfeder in Kurrent-Schrift ab. Eine wunderbare Entspannung, habe ich festgestellt, und kann nun ein wenig verstehen, wieso Menschen sich zur Entspannung die Kalligraphie ausgesucht haben.

Das Rätsel, warum die vermutlich Thüringer (oder Thüringisch?) Glasfeder als venezianische bezeichnet wird, ist noch nicht ganz geklärt. Es wird überall eine einzelne Quelle zur Entwicklung der Glasfeder in Murano, die jedoch nicht verifiziert ist. Für mich ist das letztlich egal, ich freue mich über die schöne Glasfeder und schreibe mal ein wenig. © Birgit Ebbert

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