(07.04.2015) Eher zufällig fiel mir Ostern das Buch „Notabene 45“ von Erich Kästner wieder in die Hände. Ich hatte lange nicht darin gelesen, aber viele Randnotizen und Klebezettel zeigen, dass ich es schon des Öfteren durchgearbeitet habe. 70 Jahre ist es nun her, dass Erich Kästner das Tagebuch schrieb. Ganz genau 70 Jahre. Er dokumentiert darin die Erlebnisse der letzten Kriegstage, die er nicht in Berlin, sondern in Mayrhofen verbrachte, nachdem Freunde ihm dringend rieten, das Land zu verlassen. Zu Recht, wie wir heute wissen, haben die Nazis doch kurz vor dem Zusammenbruch ihres Regimes noch den einen oder anderen schikaniert, wenn nicht gar getötet.

Als Mitglied eines Ufa-Filmteams, das mit einem Kamera-Equipment, aber ohne Filmmaterial in den österreichischen Bergen auftauchte, überlebte Erich Kästner auch diesen letzten Angriff der NS-Schergen auf Kritiker und Andersdenkende.

Das Tagebuch beginnt am 7. Februar 1945 noch in Berlin und endet am 2. August 1945 in Schliersee. Ich besitze es in einer Fischer-Taschenbuch-Ausgabe von 1983, damals stand die Auflagenhöhe noch in Büchern: 68. – 72. Tausend.

Ich habe das Buch Ostern nicht noch einmal vollständig gelesen, weil mir die Zeit fehlte, obwohl es sehr lesenswert ist, weil Kästner darin das Leben in den letzten Kriegsmonaten beschreibt und viel über sein Leben bisher und seine Pläne nachdenkt. Interessiert hat mich, was er über die Tage genau vor 60 Jahren schreibt. (Im Vorwort von 1960 erklärt er übrigens, warum er den großen Roman über die NS-Zeit, den er immer versprochen hat, nicht schreiben konnte und wollte.)

Am 3. April notiert Kästner, dass die Russen nach Baden bei Wien und in Danzig und die Briten nach Bielefeld, Kassel, Heidelberg, Würzburg und Eisenach vorgedrungen sind. „Und seit vorgestern stemmt sich der Wehrwolf-Sender gegen den nahenden Untergang. Er scheut vor keiner Hetzparole zurück. Er stempelt Kinder zu Helden, weil sie Handgranaten aus den Fenstern geworfen haben. Und auch den deutschen Frauen und Mädchen sind ehrenvolle Fensterplätze zugedacht. Man fordert sie, auf Betreiben himmlers und übrigens auch in den Zeitungen, zum Heroismus auf und empfiehlt ihnen, die einmarschierenden Feinde mit kochendem Wasser zur übergießen. … Sehr stolz ist man darauf, daß man inAachen den Bürgermeister meuchlings umgelegt hat, weil er mit der Besatzungsbehörde verhandelte.“ Soviel zum Thema, es gab nur einige wenige Nazis und eigentlich waren alle Widerstandskämpfer! Dieser Eintrag endet übrigens mit einem Satz, der an frühere Aussagen Kästners anknüpft, dass man immer nur die Täter, aber nicht die Opfer kennt. Er schreibt „Die Ludendorffs verlieren unsere Kriege und die Erzbergers verlieren ihr Leben.“ Ihr könnt über Kästner sagen, was ihr wollt, aber er hat die Dinge einfach auf den Punkt gebracht. Übrigens auch in dem auch heute noch wahren Satz vom 2. März „Wie man Freunde hat, die einen nicht mehr kennen wollen, hat man, zum Ausgleich, andere, die man selbst nicht kennt.“

Heute, am 7. April, auf den Tag vor genau 70 Jahren, hat Kästner ein besonderes Ereignis beschrieben, das sich am 6. April zugetragen hat. Dazu muss man wissen, dass die Bewohner des Städtchens Mayrhofen nicht alle glücklich darüber waren, dass sich ein Berliner Filmteam bei ihnen einnistete und man sich das eine oder andere überlegte, um es loszuwerden oder wenigstens zu trietzen.

Am 6. April nun überbrachte der Gemeindediener den Männern der Ufa die Aufforderung, „sich unverzüglich, nämlich heute, zu einem vierwöchigen Standschützenkursus nach Gossensaß zu begeben. Dem kingenden Boten war an der Nasenspitze anzusehen, wie aufrichtig er sich über unsere langen Gesichter freute. … Da man uns zum Teufel wünscht, haben wir vom ersten Tag an gespürt. … aber daß man so weit gehen würde, Berliner Filmhasen in Tiroler Standschützen umzuarbeiten, übertraf das Vermutbare.“

Das haben sich die Herren natürlich nicht gefallen lassen. Man nahm Kontakt mit dem Landrat und dem Gauleiter auf und versuchte auf Zeit zu spielen. Als Ausrede brachte man an, man könne die Kameras nicht allein lassen und der Gauleiter müsse schriftlich die Verantwortung übernehmen, dass nichts abhanden käme. Sicherheitshalber versuchte Produzent Eberhard Schmidt auch in Berlin vorstellig zu werden, um die Tiroler Schikane abzuwenden.

Derweilen man hofft und wartet, dass Schikane und Krieg vorübergehen, kommen Flüchtlinge aus Wien nach Mayrhofen, weil die Russen in die Stadt vordringen und gekämpft wird. „Baldur von Schirach sei getürmt, aber unterwegs verhaftet worden“, will er gehört haben. „Und Himmlerbefinde sich an der Schweizer Grenze, um die dort angestaute Parteiprominenz festnehmen zu lassen.“ Schade, dass mir gerade die Zeit fehlt, zu überprüfen, ob das wirklich so war oder nur Gerüchte. Aber vielleicht liest ein Historiker den Beitrag und kann das aus dem Stand sagen. Unabhängig von dem Ergebnis habe ich mir vorgenommen, nun täglich Kästners Lageberichte zu lesen und bin gespannt, wie es mit der Tiroler Schikane weitergegangen ist. Nachzulesen in: Erich Kästner „Notabene 45. Ein Tagebuch.“ in verschiedenen Ausgaben erhältlich. © Birgit Ebbert

Die Zitate stammen aus der Taschenbuchfassung von „Notabene 45“ aus dem Jahr 1983.