Erinnerungen Notizen(11.07.2016) In der letzten Zeit habe ich mit einigen Leuten über Erinnerungen und Biographien gesprochen habe. Deshalb beschäftigt mich die ganze Zeit, wie man am besten an eine Autobiographie heran geht. Das Netz ist voll von Anbietern, die Biographien schreiben, da war ich doch verwundert. Obwohl mir das auch Spaß machen würde. Vor Jahren habe ich eine Mini-Biographie über Erich Kästner für das dtv-Magazin zu seinem 100. Geburtstag geschrieben. Daran erinnere ich mich heute noch gerne. Vor allem meinen Besuch bei Kästners Testamentsvollstrecker, um die Fotos auszuwählen. Und die Briefe und Manuskripte vo n Herti Kirchner liegen ja noch hier, aus denen ich etwas entwickeln möchte. Aber beide sind schon verstorben, das heißt, als Quellen dienen Briefe, Texte, Film- und Tondokumente und – so sie denn vorhanden sind – Aussagen anderer über die Personen.

Erinnerungen als Quelle der Autobiographie

Diese Quellen würde man für die Biographie einer noch lebenden Person natürlich ebenso verwenden. Aber in dem Fall gibt es ja eine wunderbare Primärquelle, die Person selbst und ihre Erinnerungen. Doch wer hat schon ein so gut sortiertes Gedächtnis, dass er sein Leben vom ersten Tag bis heute chronologisch erzählen oder aufschreiben kann. Das geht schon deshalb kaum, weil das Gehirn so nicht arbeitet. Es sortiert Bilder, Fakten und Ereignisse nicht chronologisch nach Kalenderdaten, vor allem ruft es sie nicht so ab. Es schafft Verknüpfungen und Dinge, die wenig verknüpft sind, rücken in den Hintergrund. Deshalb kommen einem Ereignisse oder Kenntnisse, die vielfach mit anderen Erinnerungen verbunden sind, schneller in den Sinn. Sprich: Worüber man immer wieder nachgedacht und gesprochen hat, daran erinnert man sich besser, weil es mit vielen verschiedenen Situationen, Antworten, Ergänzungen oder neuen emotionalen Erfahrungen verbunden ist. Doch das nur am Rande als Erklärung dafür, dass das Aufschreiben der Erinnerungen kaum chronologisch möglich ist. Dadurch würde man dem Gedächtnis etwas aufzuzwingen, das es nicht leisten kann, man verzettelt sich, sucht lange vergebens und verliert die Lust an dem Projekt.

Start der Recherche im eigenen Leben

Da scheint es mir doch sinnvoller zu sein, die eigene Biographie anzugehen, wie ich ein Buchprojekt starte. Sich einfach treiben zu lassen in den Erinnerungen und alles zu sammeln, was einem begegnet. Wie bei einem Buchprojekt ist das Thema ja klar umrissen: „Mein Leben“. Statt sich in Zeitschriftenarchiven, Büchereien oder im Internet zu verlieren, wie ich es mir am Anfang eines Projektes gönne, muss man sich nur die Zeit nehmen, in den Erinnerungen zu schwelgen und zu notieren, was einem einfällt. Das darf ruhig unstrukturiert sein, vom Hochzeitstag bis zum letzten Umzug, von der ersten Zigarette bis zum Schulabschluss.

Wichtig ist, jede Erinnerung aufzuschreiben. Nicht untereinander auf einem Blatt, sondern am besten auf Notizzettel oder Karteikarten. Das ist übrigens der Grund, weshalb ich bei der ersten Recherche noch furchtbar viele Texte ausdrucke oder nur einzelne Gedanken mit der Hand aufschreibe. Die einzelnen Blätter erlauben es einem später relativ leicht, eine Struktur zu entwickeln – man kann sie auf Stapel legen und meine Wohnung ist in solchen Zeiten manchmal kaum zu betreten. Seit meiner ersten Examensarbeit, ach was, schon im Gymnasium bei der ersten Projektarbeit, fasziniert es mich, dass – wenn man sich auf diese Methode einlässt – irgendwann ein Aha-Erlebnis eintritt. Man merkt, dass sich Informationen wiederholen oder zusammenpassen und sich die vielen einzelnen Gedanken zu einem Puzzle formen. Warum sollte das beim Sortieren eines Lebens nicht genauso klappen?

Eine Mindmap aus Erinnerungskarten

Erinnerungen KindheitDas Schöne an den Karten mit den Erinnerungen ist, dass sie einem in einer nächsten Erinnerungsstunde helfen, den Faden schnell wieder aufzunehmen. Man muss nicht erst ganze Seiten lesen, die man vorher beschrieben hat, und versuchen, sich in die Zeit zurückzuversetzen. Man kann eine Karte zur Hand nehmen und sich davon leiten lassen. Wenn dies das erste Fahrrad ist, fallen einem automatisch erste Stürze, aufregende Ausflüge, der gemeine Diebstahl etc. ein. Außerdem kann man jederzeit und überall mit der „Recherche“ beginnen und ebenso jederzeit aufhören und sogar nutzlose Zeiten in Wartezimmern oder an Haltestellen überbrücken.

Wenn einem dann doch eine besonders witzige Szene einfällt oder ein Stichwort nicht reicht, so kann man es problemlos auf die Karte oder die Rückseite schreiben. (Deshalb verwende ich für diese Methode ausnahmsweise kleine Karteikarten oder beidseitig leere Blätter , während ich ansonsten beschriebenes Papier zu Notizzetteln verarbeite. :-)) Auf diese Weise schafft man sich eine riesige Basis an Erinnerungen, die in eine Biographie einfließen könnten.

Ich hoffe, damit habe ich den Menschen, die ich laufend ermuntere, ihre Erinnerungen festzuhalten, erste Anhaltspunkte gegeben. Wie es dann weitergeht, folgt in einem zweiten Beitrag, die angekündigten Regentage und Wartezimmerzeiten können ja erst einmal gut genutzt werden. Viel Spaß beim Erinnern! © Birgit Ebbert