(18.11.2013) Für den gestrigen Sonntag sah das Programm der Literaturtage einen schwäbischen Abend unter dem Motto „Ins Liacht ganga“ vor, was so viel heißen soll wie „setzen wir uns zusammen und schwätzen, trinken und essen“ – frei übersetzt. Da die Veranstaltung in der Schloss-Scheuer am Stauffenberg-Schloss stattfand, habe ich die Gunst der Stunde genutzt und einen Punkt auf meiner – immer länger werdenden – Todo-Liste in Angriff genommen. Ich habe das Stauffenberg-Schloss besucht und mich sowohl in der Musikhistorischen Sammlung Jehle als auch in den Gedenkräumen für Claus von Stauffenberg umgesehen. Wer immer in die Nähe kommt, dem empfehle ich einen Besuch – sowohl aus musikhistorischer als auch aus zeitgeschichtlicher Sicht.

Wer weiß, dass der Nationalsozialismus mein Schwerpunkt-Thema ist, ahnt, dass mich vor allem die Dokumentation über Claus von Stauffenberg und seine Familie ins Schloss gelockt habe. Ich wurde nicht enttäuscht, neben einer sehr schönen Bild- und Text-Dokumentation seines Lebens sowie Abbildungen wesentlicher Dokumente und Urkunden finden sich auch Exponate aus seinem Besitz bzw. dem Besitz seiner Familie. Die Ausstellung gibt einen guten Überblick über die Entwicklung Claus von Stauffenbergs vom Hitler-Anhänger zum Widerstandskämpfer und regt an, sich intensiver mit der Thematik zu beschäftigen. Ich erinnere mich, dass ich vor Jahren ein Buch über ihn gelesen habe, aber leider bleibt nicht alles in Erinnerung. So war mir nicht mehr klar, dass auch sein Bruder Berthold von Stauffenberg wegen der Verschwörung gegen Hitler hingerichtet wurde, allerdings nicht wie Claus noch in der Nacht nach dem misslungenen Attentat, sondern zwei Wochen später in Berlin-Plötzensee. Bis heute hatte ich mir auch nicht viele Gedanken darüber gemacht, wie es den Kindern von Stauffenbergs ergangen sein mochte. Heute begegneten sie mir gleich zweimal – im Museum und in einem Gespräch mit einer Frau, die mit einer der Töchter zur Schule gegangen ist. Nina von Stauffenberg lebte nämlich nach dem Tod ihres Mannes noch sieben Jahre in Lautlingen in einem Forstwartshaus neben dem Schloss, ehe sie zurück zu ihrer Familie nach Bamberg zog. In jedem Fall werde ich mich nach meiner Rückkehr eingehender mit dem Leben der Familie befassen, zumal ein Exponat der Ausstellung mich auf eine Idee für eine Adventsgeschichte mit Corvo gebracht hat.

Da ich nun schon im Schloss war, habe ich mir aber auch die Musikhistorische Ausstellung angesehen und war begeistert von den alten Instrumenten, den alten Notenbüchern und den Modellen vom Innenleben eines Pianos. Den Schwerpunkt der Sammlung, so wie ich ihn wahrgenommen habe, bilden alte, teilweise sehr alte Flügel und Klaviere, die auf jeden Fall musikhistorische Laien wie mich verblüffen. Ich habe noch niemals vorher einen Schrankflügel gesehen, der wirkt, als hätte man einfach den hinteren Teil eines Flügels nach oben geklappt. Verrückt, was es vor Jahrhunderten alles gab. Neben den Flügeln gibt es aber auch Flöten und Zupfinstrumente, die ich zum Teil noch nie gesehen habe.

An diese Erfahrung schloss sich im Übrigen nahtlos der schwäbische Abend an. Es wurde nicht nur geschwäbelt, was das Zeug hielt, die Besucher erhielten nebenbei noch eine kleine Nachhilfestunde in historischen Instrumenten. Bernhard Bitterwolf präsentierte bei jedem Auftritt ein anderes Instrument – von der Piffe über die Drehleier, die Schalmei und die Sackpfeife bis zu einem Vorläufer der Zither, dem Scheitholz, wenn ich den Namen richtig verstanden habe. Die Instrumente waren allerdings nur Teil seines köstlichen Vortrags, in den immer wieder auch das Publikum einbezogen wurde. (Kleiner Insiderwitz: Hü – Hott!) Als Musikkünstler bildete Bernhard Bitterwolf jeweils den Übergang von einem Textvortrag zum nächsten, quasi das „Äffle & Pferdle“ für den Abend *gr*. Für den gesprochenen Text waren neben dem Autor und Moderator Manfred Mai, mit dem ich morgen noch einmal in Ruhe plaudern darf, auch Oma Paula, Bernd Merkle und Olaf Nägele zuständig, die es jeder auf seine Art schafften – mit Witzen, mit Mundartgeschichten und schwäbischen Innensichten die Zuschauer zum Lachen zu bringen.

Ich habe mich köstlich amüsiert und dank der Autoren und meiner sympathischen und ortskundigen Tischnachbarinnen auch noch das eine oder andere über die Albstädter, die Schwaben und das Leben gelernt. Zum Beispiel, dass ich beim Fondue-Essen darauf achten sollte, ob mein Tischnachbar Vegetarier ist oder nicht, dass man im Schwäbischen den „Christbaum lobt“ und als Dank flüssige Äpfel fordern darf, und dass sich Schwaben und Münsterländer in vielem sehr ähnlich sind. Mitten im Vortrag fiel mir auf einmal ein Witz ein, dem mein Vater gerne brachte: Zwei Männer sitzen auf der Bank. Sagt der eine: „Joa!“ Antwortet der andere: „Joa joa!“ Darauf der erste: „Proatsack!“ (Für die Schwaben. Proatsack ist so etwas wie Schlabbergosch.) © Birgit Ebbert