(11.05.2019) Als ich vor meinem ersten Aufenthalt in Gotha über die Stadt recherchierte, fiel mir als erstes der Begriff „Barockes Universum“ auf und ich fragte mich, was es damit auf sich hat. Seit ich die Schlossanlage erlebt habe, verstehe ich, dass die Bezeichnung „Schloss Friedenstein“ für diese Anlage zu ungenau ist. Schloss Friedenstein ist auch ein Gebäude, in dem früher einmal Herzoge gelebt haben, wovon man sich im Schlossmuseum einen Eindruck verschaffen kann. Aber es gibt dort auch ein Museum der Natur, von dem Teile derzeit im Westturm zu sehen sind. Hier befindet sich ein historisches Museum, in dem die Geschichte Gothas bis zum 19. Jahrhundert präsentiert wird. Im Schloss ist außerdem das Ekhof-Theater angesiedelt. Ein paar Schritte vom Schloss entfernt schließlich befindet sich das Herzogliche Museum mit Kunstausstellungen und den verschiedenen Sammlungen aus dem herzoglichen Besitz. Der Schlosspark, der schon Goethe entzückt hat, gehört ebenso zum Universum wie die Orangerie. Damit bietet das Schloss für jeden etwas.

Die Geschichte von Schloss Friedenstein

Entstanden ist die Schloss-Anlage ab 1643. Jetzt versteht ihr, warum mich Gothaer belächelt haben, als ich in einem Gebäude aus dem 19. Jahrhundert anmerkte, hier gäbe es aber schöne alte Gebäude. Die Antwort lautete: „Das hier ist doch nicht alt.“ Ja, Alter ist eben relativ J Den Grundstein für das Schloss legte Herzog Ernst I der Fromme (1601 bis 1675), dem deshalb auf dem Platz zwischen Schloss und Historischer Altstadt auch ein großes Denkmal gesetzt wurde. Der Name Friedenstein geht auf den Wunsch nach Frieden mitten im 30-jährigen Krieg zurück und wird symbolisiert durch den „Friedenskuss“ über dem Hauptportal. Seit der Fertigstellung des Schlosses 1654 gab es wie in jedem Haus J einige Veränderungen. Im 18. Jahrhundert wurden z. B. vier Bastionen abgetragen, um Platz für einen englischen Garten zu machen, und auch die Reithalle musste einem Neubau weichen. Innerhalb des Schlosses befindet sich ein Element, das noch älter ist als das Gebäude, das Portal der Schlosskirche stammt von 1553/54. Es befand sich ursprünglich in der Feste Grimmenstein, die 1567 nach den sog. Grumbachschen Händel zerstört worden war. Wie das Schloss die Zeiten überstanden hat, werde ich mir noch anschauen, diese Themenausstellung im Schloss habe ich noch nicht besucht.

Erste Eindrücke von Schloss Friedenstein

Es hat sich eher zufällig ergeben, dass ich bei meinem letzten Gotha-Aufenthalt gleich dreimal auf Schloss Friedenstein war. Na gut, der erste Besuch stand schon lange fest, ich wollte unbedingt an der Eröffnung der Oskar-Schlemmer-Ausstellung teilnehmen. Ebenfalls auf meiner Liste stand der Besuch von zwei Ausstellungen, die am 12. Mai enden. Da bin ich froh, dass ich dazu noch einmal ins Herzogliche Museum gegangen bin. Zunächst habe ich mir auch wirklich die beiden Ausstellungen angesehen: „Vierbeiner, Piepmätze & Co.“ zeigt eine kleine Auswahl aus der größten Fächersammlung Europas, die im Schloss beheimatet ist. Faszinierend, welche Motive sich auf diesen zarten Fächern befinden, und als Papierfan überlege ich schon, wie ich einen hübschen Fächer selbst herstellen könnte 🙂 Was mich aber völlig überrascht hat, war die Ausstellung „Auf die feine englische Art. Schwarze Kunst aus England“. Ich hatte nur den Titel gelesen und erwartet, dass es eine Ausstellung über Hexen und Zaubermeister sei, fragt mich nicht, wieso ich die mit England verbinde, vermutlich weil ich noch einen magischen Inspektor Barnaby-Krimi im Kopf hatte 🙂 Wobei Zauberei ja nicht mal so falsch ist. Für mich war die Technik der „Chalcographie“, der Schabkunst, um die es in der Ausstellung ging, neu. Es handelt sich dabei um ein Tiefdruckverfahren, das Mitte des 17. Jahrhunderts entwickelt wurde und im 18. Jahrhundert in England besonders beliebt war. Deshalb wird die Technik auch „Englische Manier“ genannt, aber auch „Schwarze Kunst“ oder „Mezzotinto“, vielleicht habt ihr die Begriffe ja schon mal gehört. Fragt mich aber bitte nicht, wie genau das Verfahren funktioniert, ich habe mich lieber mit den Ergebnissen der Schabkunst beschäftigt. Gleich als erstes begrüßte mich der Markgraf VI von Baden-Durlach an, den Namen habe ich mir notiert, weil ich meine Kindheitsurlaube in Durlach am Rittnerberg im Haus eines weitläufig Verwandten verbracht habe. Die Welt ist klein! Amüsant fand ich das Bild „Heilige Magdalena der Einöde“, die tatsächlich mit einem Buch erwischt wurde. Einige Porträts gab es in der Ausstellung, sie waren wohl auch der Grund, weshalb die Schabkunst so beliebt war. Man konnte mit weniger Aufwand als bei Holzschnitt, Kupferstich oder Radierung Porträts herstellen und vervielfältigen. Und dann entdeckte ich ein Bild, das ich als Anregung nutzen will, um mich am Genre Fabel zu versuchen. Noch eine Inspiration 🙂

Die Herzogliche Sammlung eine einzige Inspiration

Nachdem ich die beiden Sonderausstellungen angesehen hatte, zogen mich Comedia d’ell Arte-Figuren magisch in den nächsten Raum der ständigen Ausstellung. Ich glaube, ich war in der Porzellansammlung gelandet, konkrete Angaben folgen nach meinem nächsten Besuch 🙂 – jedenfalls standen hier neben den Comedia-Figuren Teekannen und andere wertvolle Besonderheiten aus Porzellan, aber auch Neuerwerbungen der Stiftung aus dem Bauhaus. In meinem Kopf klickerte es nur noch, weil ich schon lange eine Buchidee im Kopf habe und das Gefühl hatte, sie hätte nur deshalb so lange in einer Mappe geschlummert, bis ich das Schloss kennenlerne. Mit jedem Raum, den ich betrat, wuchs meine Euphorie, weil die Gegenstände und Bilder dort so schön und außergewöhnlich sind. Ich gebe zu, bis zu meinem Besuch in der Sammlung war Lucas Cranach für mich ein Name, mehr nicht. Aber jetzt habe ich Bilder von ihm gesehen. Allein die Farben, wenn ich mir vorstelle, dass die Bilder über 500 Jahre alt sind, unglaublich. Mich fasziniert an alten Bildern vor allem die Darstellung des Alltagslebens. Sicher ist das typisiert, aber die Bilder sind Beweise dafür, dass vieles, was wir täglich erleben, auch vor 500 Jahren gelebt oder zumindest gedacht wurde. Diese Bilder werde ich auf jeden Fall auch noch einmal genau anschauen. Ach ja, selbst auf dem Boden im Erdgeschoss fand ich noch eine Anregung für ein Faltbild 🙂

Wo der Herzog sich vergnügte und arbeitete

Zwischen den beiden Besuchen im Herzoglichen Museum lag ein Rundgang durch die Herzoglichen Gemächer im Schlossgebäude und der Blick in die Schatzkammer. Da das Schloss nicht zerstört war, ist es fast überall im Ursprungszustand erhalten. Allein die Stuckdecken und Wandbemalungen, aber auch eine Tapete aus Papier, das so bearbeitet wurde, dass es wie Leder wirkt, sind beeindruckend. Das gilt ebenso für manche Möbelstücke und die Geschichte, die dadurch vermittelt wird. Beim nächsten Besuch will ich mir besonders die Tischplatte mit Bildern und Noten genau anschauen. Das Highlight ist aber die Kunstkammer und das sage ich nicht nur, weil es dort den ein oder anderen Elefanten zu sehen gibt. Spannend sind die Kuriositäten, die sich angesammelt haben, vom Hut Napoleons bis zu verrückten Bierkrügen, außergewöhnlichen Spielfiguren und einer Schatztruhe, bei der man sich fragt, wie lange es wohl dauert die Schlösser alle zu öffnen. Und dann gibt es im Schloss das Ekhof-Theater. Es wird noch heute mit der Technik bespielt, die vor über 300 Jahren eingebaut wurde. Ich bin schon sehr gespannt auf die Aufführungen, die im Rahmen des Ekhof-Festivals vom 28. Juni bis 24. August gezeigt werden. Leider bin ich bei der Premiere in Hagen, aber irgendwann werde ich mit „Die Schule der Ehemänner“ anschauen. Bestimmt habe ich noch etwas vergessen, warum es so viele Elefanten gibt z. B. und was es mit dem Hörloch auf sich hat, warum ich darüber nachdenke, einen Krimi „Flohfalle“ zu nennen und was es mit den Wappen an der Hofseite des Gebäudes auf sich hat. Die Antworten kommen dann irgendwann 🙂 Demnächst werde ich eine Fragenliste erstellen, damit ich auch nichts vergesse. Ich weiß jetzt schon, dass die Zeit in Gotha schnell verfliegen wird. Langeweile kommt angesichts der vielfältigen Inspiration sicher nicht auf, ich habe euch ja noch gar nicht berichtet, was mir auf dem Hauptfriedhof eingefallen ist und Tierpark bin ich immer noch nicht gewesen. Ich arbeite schnell die Arbeitsmäppchen auf meinem Schreibtisch ab, damit ich wieder hinfahren und weiter nach Antworten suchen kann 🙂 © Birgit Ebbert

Weitere Informationen auf www.stiftungfriedenstein.de